Angst um friedliches Miteinander

Gehören dem Vorstand der türkisch-islamischen Gemeinde Hemer an: (von links)  Tacettin Önal, Yildiz Enver, Imam Hüseyin Derin, Batur Kayduk und Hüseyin Birge
Gehören dem Vorstand der türkisch-islamischen Gemeinde Hemer an: (von links) Tacettin Önal, Yildiz Enver, Imam Hüseyin Derin, Batur Kayduk und Hüseyin Birge
Foto: IKZ

Hemer..  Die blutigen Anschläge auf die Redaktion der Zeitschrift „Charlie Hebdo“ und einen jüdischen Supermarkt in Paris vom 7. Januar halten nach wie vor halb Europa in Atem. Auch in der türkisch-islamischen Gemeinde haben sich Aufregung und Sorge längst nicht gelegt. Während des gestrigen Freitagsgebets in der Moschee an der Hauptstraße hat Imam Hüseyin Derin in seiner Predigt die Terrorakte zum wiederholten Mal thematisiert. Diese Taten seien vom Islam niemals hinzunehmen. Sie gefährden die Kultur des Zusammenlebens und fügen dem Islam und dem Islam-Bild in den Köpfen der Europäer großen Schaden zu, sagte der Imam. Wie immer wurde die auf Türkisch gehaltene Predigt von einem Gemeindemitglied simultan ins Deutsche übersetzt.

Als nach dem Freitagsgebet viele der Gläubigen bei Tee und Kaffee zusammensitzen, sind Hintergründe und Folgen der Anschläge Gesprächsthema Nummer Eins. Tacettin Önal ist der Vorsitzende der 1987 gegründeten Gemeinde, die sich seither immer um ein gutes Miteinander mit den anderen Menschen in Hemer bemüht. Viele der zumeist türkischstämmigen Gemeindemitglieder leben seit Jahrzehnten in der Stadt, haben die deutsche Staatsangehörigkeit, sprechen akzentfreies Deutsch.

„Skupellose Verbrecher“

Tacettin Önal will nicht akzeptieren, dass all das durch skrupellose Verbrecher gefährdet wird. „Wir wollen und müssen die hier lebenden Menschen und ihre christlichen Werte respektieren. Und wir stehen zu demokratischen Grundrechten wie der Presse- und Meinungsfreiheit.“

Im Gespräch mit Tacettin Önal und seinen Vorstandskollegen Batur Kayduk, Hüseyin Birge und Yildiz Enver wird die tiefe Liebe deutlich, die diese Männer zum Islam, zu Allah und dem Propheten Mohammed empfinden. Er persönlich könne über eine Mohammed-Karikatur nur verächtlich lachen, sagt Tacettin Önal. Aber er bittet um Verständnis dafür, wenn viele seiner Glaubensbrüder sich dadurch bis in Mark getroffen fühlen. „Stellen Sie sich vor, etwas, dass Sie unendlich lieben, wird öffentlich beleidigt. Was würden Sie fühlen?“ Allerdings rechtfertige auch die schlimmste Beleidigung keinerlei Gewalt und schon gar keinen Mord.

„Ein wahrer Muslim kann kein Terrorist sein, und ein Terrorist kein Muslim. Schon das Wort Islam bedeutet Friede“, betont Hüseyin Birge, in der Gemeinde zuständig für die Prüfung der Finanzen.

In der Gemeinde wird Toleranz groß geschrieben. Auch wenn sie nicht Mitglieder der Gemeinde sind, besuchen Menschen vieler Nationalitäten regelmäßig die Gottesdienste in der Moschee. „Zu uns kommen Gläubige aus Bosnien, Pakistan, Bangladesch, Serbien, Jordanien und deutsche Konvertiten“, listet Gemeindebuchhalter Batur Kayduk auf. Tacettin Önal ergänzt: „Auch viele Flüchtlinge aus der Unterbringungsseinrichtung in Deilinghofen sind bei den Gebeten dabei. Und im Ramadan sind sie zum Fastenbrechen unsere Gäste.“ Und es wird auch niemand in der Moschee danach gefragt, welcher Richtung des Islam er angehört, ob er Sunnit oder Schiit ist.

Ziel des Gemeindevorstandes ist es, in Hemer gegenseitiges Verständnis und friedliches Miteinander weiter wachsen zu lassen. Doch jetzt geht die Angst in der Moschee um, dass die Terrorakte und unüberlegte Reaktionen auf beiden Seiten nicht wieder gut zu machenden Schaden anrichten.