Zum Verdienstkreuz gab’s im Heiligenhauser Ratsaal Honig

Landrat Thomas Hendele (li.) überreicht die Urkunde zum Verdienstkreuz an Profossor Dr. Wolfgang Gerß.
Landrat Thomas Hendele (li.) überreicht die Urkunde zum Verdienstkreuz an Profossor Dr. Wolfgang Gerß.
Foto: WAZ FotoPool
Was wir bereits wissen
Als über Jahrzehnte engagierter Naturschützer erhielt Prof. Dr. Wolfgang Gerß nun vom Landrat „eine außerordentlich seltene Auszeichnung“ 1. Klasse.

Heiligenhaus..  Aufs Rednerpult im großen Sitzungssaal hatte der Bürgermeister ein Glas Honig abgestellt: Das Naturprodukt aus eigener Imkerei war die „Beigabe“ zu einer hohen Auszeichnung für einen seit Jahrzehnten engagierten Naturschützer: Im Rathaus heftete Landrat Thomas Hendele im Namen des Bundespräsidenten Prof. Dr. Wolfgang Gerß das Verdienstkreuz 1. Klasse ans Revers.

Der pensionierte Regierungsdirektor in Diensten von IT NRW (dem früheren Landesamt für Statistik) war und ist ein engagierter Lobbyist für den Naturschutz, Gremien-erfahren wie kaum ein Zweiter. Der Landrat bündelte in seiner Laudatio bemerkenswert pointiert das große Anliegen hinter der Vielfalt der Ehrenämter, die Wolfgang Gerß übernommen hatte: vom Nabu-Vorsitz auf Bundes- und Landes-Ebene bis zum sachkundigen Bürger im Umweltausschuss seiner Wahlheimat Heiligenhaus.

Nabu als politische Macht im Land

„Nach der Pensionierung 2001 haben Sie sich nicht im Lehnsessel ausgeruht“, so Thomas Hendele, „sondern den Turbo eingeschaltet“. Der Landesverband des Naturschutzbundes erreichte in der Ära Gerß eine Mitgliederschaft von 65 000: „ein bemerkenswertes Zeichen“. Dass der am dichtesten besiedelte Kreis Deutschlands, so der Chef des Kreishauses Mettmann, dennoch über einen so hohen Anteil an Naturschutzgebieten verfüge, sei auch dem geduldig ausgleichenden Wirken Prof. Gerß’ zu verdanken. „Wir haben viele gute Lösungen gefunden“, sagte Thomas Hendele, „haben die Siedlungsstruktur hier im Kreis nicht zu einem Siedlungsbrei verkommen lassen.“

Dass der Nabu dank seiner Präsenz in vielen Beiräten und Gremien durchaus eine politische Macht im Lande ist, wurde auch in der Dankesrede des Geehrten deutlich. Er habe sich stets bemüht, fähige Mitglieder für die diversen Aufgaben zu gewinnen, betonte Wolfgang Gerß. „Dabei bin ich mit hoffentlich gutem Beispiel voran gegangen. So kamen die vielen Ämter zustande.“ Die hohe Kunst sei jetzt, so der 74-Jährige, „rechtzeitig aufzuhören und dafür zu sorgen, dass jemand da ist, der nachfolgt“.

Noch ist der passionierte Ornithologe nicht alle „Ämter losgeworden“ – und machte den Landrat in aller Freundlichkeit auf ein Versäumnis aufmerksam: den „Heiligenhauser Verein für wissenschaftliche Naturschutzpatenschaften“ hatte der Laudator nicht erwähnt. „Ein fürchterlicher Name, ich weiß“, gestand Wolfgang Gerß. „Aber ich hatte mir etwas dabei gedacht.“ Heiligenhauser kennen den kleinen Club kundiger Arten-Bestimmer, weil er den Steinbruch Hofermühle als wertvolles Biotop schützt, pflegt – und einzäunen ließ. Auch den Mühlenteich im nahen Angertal haben die Naturschützer erworben.

„Man kann nichts alleine machen.“ Diesen Satz hatte der Soziologie (mit früherem Zweitberuf als Professor an den Universitäten Düsseldorf und Duisburg) seinem Gruß an die vielen Naturschützer im Saal vorausgeschickt. „Ich kann nur appellieren, bitten und drängen.“ Wolfgang Gerß muss es besonders gut gekonnt haben.

Als Schüler zur Lobbyarbeit

Für die Enkelkinder des Geehrten, die still in zweiter Reihe im Ratssaal saßen, dürfte die Feierstunde besonders lange 70 Minuten bedeutet haben – mit einer markanten Ausnahme: In seiner Dankesrede erzählte Wolfgang Gerß sehr anschaulich von seinem Weg zum Naturschutz – und zu einem der frühesten bundesdeutschen Umweltproteste.

Schon den Geburtsort in Vorpommern könnte man als Wink für das spätere Engagement deuten: denn die Gegend um Anklam gilt als „ein Zentrum der Feld-Ornithologie“, wie Prof. Gerß sagte. Prägend war seine Nachkriegs-Jugend in der neuen Heimat Bremen mit ihrer altehrwürdigen Naturschutzgesellschaft. Für den Schüler Wolfgang Gerß waren die Moorgebiete rund um die Hansestadt „unser Abenteuerspielplatz und oft faszinierender als die Schule“. Die Enkel sollten hier bitte weghören.

Aus früher Natur-Begeisterung wurde bald erstes umweltpolitisches Engagement: Es galt dem von Vogelscharen besiedelten Großen Knechtsand im Wattenmeer. Helgoland sollten nach Jahren als Bomben-Abwurfgebiet wieder von den vertriebenen Insulanern besiedelt werden – doch die Briten suchten ein neues Manöverziel in der Nordsee. Wolfgang Gerß erinnert sich: „Es war das erste Mal, dass man Politikern dagegen mit Lobbyarbeit auf die Pelle rückte. Und ich habe als Schuljunge Flugblätter verteilt.“

Heute sieht der Umwelt-Lobbyist das Prädikat „ehrenamtlich“ inflationiert, „verwässert“, weil es auf nahezu jedes Hobby angewendet werde. Ihm gehe es aber um „Nachhaltigkeit“ (ein ebenfalls modisch entwerteter Begriff) – und er verweis erneut auf seine Enkel: „Wofür mache ich wohl das alles?“