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Vorstellungsgespräch mit Sanduhr

13.06.2012 | 08:00 Uhr
Vorstellungsgespräch mit Sanduhr
Für Marc Brameier und Hans Paschmanns war das Speed-Dating ein Experiment.

Heiligenhaus.   Vorstellungsgespräch mit Sanduhr: Beim Azubi-Speed-Dating versuchte die Firma Toi Toi & Dixi, dem Fachkräftemangel entgegenzuwirken.

Für die Herren von Toi Toi & Dixi ist es das erste Mal. Marc Brameier und Hans Paschmanns werden an diesem Montag fürs Speed-Dating bezahlt: Zehn Minuten haben sie Zeit, um ihr Gegenüber kennenzulernen und zu entscheiden, ob sie ihn oder sie wiedersehen wollen. Allerdings nicht an einem lauschigen Plätzchen zur Plauderei über Persönliches, sondern an ihrem Schreibtisch an der Carl-Zeiss-Straße zum Vorstellungsgespräch. Die beiden Herren suchen etwas Langfristiges: einen Azubi, idealerweise zur Übernahme.

Schwierige Suche nach Lehrlingen

Das ist nicht einfach. Drei Millionen Fachkräfte werden in Deutschland bis zum Jahr 2025 fehlen, hat die Bundesregierung ausgerechnet. Fachkräfte wie die Service- und Berufskraftfahrer, die Dixi sucht. Laut einer aktuellen Umfrage des Bundesverbands der Deutschen Industrie haben 70 Prozent der Unternehmen Schwierigkeiten, Fachkräfte mit Berufsausbildung zu finden. Dixi setzt deshalb seit drei Jahren früher an und bildet selbst die gesuchten Fahrer aus. Bisher hat einer seine Ausbildung abgeschlossen und arbeitet nach wie vor bei der Heiligenhauser Firma. 85 Fahrer sitzen insgesamt für das Unternehmen hinterm Lenkrad, durch Fluktuation sei ständig Bedarf.

Ein neuer Lehrling soll ihn zu decken helfen. Dafür verlässt Dixi die vom Berufswelt-Navi erfassten Wege und begibt sich beim Azubi-Speed-Dating im Velberter Forum Niederberg auf unbekanntes Terrain. Fuhrparkleiter Paschmanns erklärt: „Bisher war es für uns schwierig, Azubis zu akquirieren über die üblichen Wege. Wir wollen alle Chancen nutzen.“

„Man ist direkt beim Unternehmen und wird nicht schon vorher aussortiert“

Das will auch Marco Biesemann. Der 18-jährige Langenberger ist auf Einladung des Arbeitsamts hier. Er sucht einen Ausbildungsplatz im kaufmännischen Bereich: „Entweder als Büro- oder als Industriekaufmann.“ Deshalb hat er sich gerade zum dritten Mal an einen der Stehtische zum Warten gestellt. Im Internet hat er sich aus der Firmenliste der 19 Unternehmen aus dem Kreis Mettmann die herausgesucht, mit denen er flirten möchte. Zwei Gespräche hat er schon hinter sich, neun weitere will er noch führen. Speed-Dating mit dem künftigen Chef, das Prinzip liegt ihm: „Ich find’ das sehr locker, besser als das normale Bewerbungsverfahren. Man muss nicht hoffen, dass man eingeladen wird, sondern man ist direkt beim Unternehmen und wird nicht vorher schon aussortiert“, zählt er die Vorteile aus seiner Sicht auf. Dass Marco das Ganze locker angeht, ist ihm anzusehen: Jeans, Kapuzenpulli, Turnschuhe. „So würde ich nicht zu einem normalen Vorstellungsgespräch gehen“, stellt er klar.

Grobes Kennenlernen

Hinter ihrem Schultisch warten unterdessen die beiden Dixi-Männer noch auf ihr erstes Speed-Date. „Zehn Minuten halte ich für sehr kurz“, überlegt Paschmanns. Ein reguläres Vorstellungsgespräch dauere „mindestens eine halbe Stunde“, und das auch nur, wenn der Personaler es vorher anhand der Unterlagen des Bewerbers vorbereiten könne. Beim Speed-Dating gehe es eher um ein „grobes Kennenlernen“, findet auch Brameier. In den zehn Minuten wollen die beiden vor allem herausfinden, ob der Kandidat ehrlich und zuverlässig ist.

Am Ende des Tages haben Paschmann und Brameier jeweils sechs Stunden im Forum Niederberg auf Bewerber gewartet; drei haben sich an ihren Tisch gesetzt. Alle drei können sich über eine Einladung zum Probearbeiten freuen. Trotzdem wird Dixi in Zukunft wieder auf das formalisierte Bewerbungsverfahren setzen. Für den Flirt mit dem Azubi seien „die kaufmännischen Berufe eher nachgefragt“, schließt Brameier.

Marco Biesemann hat sein Schlabber-Outfit übrigens nicht geschadet. „Bei Baku haben die die Sanduhr gar nicht umgedreht“, grinst er. Und: „Bisher haben mir alle ihre Adresse gegeben.“ Dorthin soll er seine Unterlagen schicken und kann auf eine Einladung zu einem zweiten Date hoffen – diesmal im Anzug.

Monique de Cleur


Kommentare
13.06.2012
17:55
Welcher Fachkräftemangel?
von bayou | #1

.....Laut einer aktuellen Umfrage des Bundesverbands der Deutschen Industrie haben 70 Prozent der Unternehmen Schwierigkeiten, Fachkräfte mit Berufsausbildung zu finden.....

Immer mehr Realschüler ohne Ausbildungsplatz
http://www.bertelsmann-stiftung.de/cps/rde/xchg/bst/hs.xsl/nachrichten_103013.htm

Die Herrschaften scheinen ein Luxusproblem zu haben.

1 Antwort
Vorstellungsgespräch mit Sanduhr
von axko | #1-1

Gut möglich, dass viele Realschüler keinen Ausbildungsplatz haben - aber da sind sie i.d.R. selbst dran schuld! Denn ein Ausbildungsplatz kommt einem nicht zugeflogen, da muss man sich schon drauf bewerben. Die Chancen einen zu bekommen, stehen im Großen und Ganzen sehr gut. Einzelne Bereiche (z.B. Grafikdesign) sind natürlich überlaufen, in den meisten Bereichen werden jedoch händeringend junge Leute gesucht.

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