Vom sibirischen Frost zum Stadtwerke-Idyll

Mit umfassenden technischen und Management-Erfahrungen wechselte Sylvia Bienert zum Jahresanfang von der Gas-Wasser-Versorgung Fuldazu den Stadtwerken Heiligenhaus: für sie ein Idyll mit „wunderschönen Radwegen“.Foto:Heinz-Werner Reck
Mit umfassenden technischen und Management-Erfahrungen wechselte Sylvia Bienert zum Jahresanfang von der Gas-Wasser-Versorgung Fuldazu den Stadtwerken Heiligenhaus: für sie ein Idyll mit „wunderschönen Radwegen“.Foto:Heinz-Werner Reck
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Was wir bereits wissen
Sylvia Bienert, die neue technische Leiterin, arbeitete einst beim Pipeline-Bau. Hier ist die Übernahme des Stromnetzes 2016 ihre große Aufgabe.

Heiligenhaus..  „Sehr idyllisch“ nennt Sylvia Bienert die Umgebung ihres neuen Arbeitsplatzes. Und das denkmalgeschützte Ensemble des Stadtwerke-Domizils sei ohnehin einzigartig in der Landschaft der kommunalen Energie-Versorger. Die neue technische Leiterin im historischen Hof an der Abtsküche hat schon unter ganz anderen Bedingungen gearbeitet: Bei 47 Grad Frost überwachte die junge Ingenieurin in den 1980er Jahren fast 1200 Kilometer Luftlinie nordöstlich von Moskau den Bau von Gasverdichtern für die gewaltigen Pipelines zwischen Russland und Westeuropa.

Anspruchsvolles Tagesgeschäft

„Da war ich die einzige Frau“, erzählt Sylvia Bienert, „aber die Jungs hatten alle Respekt“. Die 51-Jährige stammt aus Suhl in Thüringen, studierte Maschinenbau in Schmalkalden und graduierte 1985. „’Rüber gemacht in den goldenen Westen“, hatte die junge Diplom-Ingenieurin drei Monate vor der Wende, im Sommer 1989. Nach ersten Stationen in der Industrie arbeitet sie nun seit 20 Jahren in der Energie-Branche. In einer typischen Männer-Domäne. Bei einem Branchen-Meeting ihres ersten Arbeitgebers, den Stadtwerken Achim bei Bremen, wurde sie gefragt: „Und in welcher Firma arbeitet Ihr Mann?“

Der stammt übrigens aus Oberhausen – und hatte Sylvia Bienert nach Heiligenhaus „hergelockt“. Das Techniker-Paar hatte sich während ihrer Zusatzausbildung zum Netzingenieur Strom kennen gelernt – und wird nach Jahren der „Fernbeziehung“ nun nach Hattingen ziehen. Ein Katzensprung für die weit gereiste Technik-Chefin.

Hier will Sylvia Bienert nun bleiben: Mit diesem festen Vorsatz hatte sie sich am Montag der Betriebsversammlung vorgestellt. Bis morgen sollen auch ihre Arbeitsschuhe geliefert werden – denn technische Leiterin ist kein reiner Büro-Job. „Wir haben die Größe eines Familien-Betriebes“, ergänzt Michael Scheidtmann, der Geschäftsführer der Stadtwerke. Die Mitarbeiter wollen und sollen ihre Chefs nicht nur am Telefon erleben.

Schließlich kündigt sich für die „mit weiter gehenden Aufgaben“, so Scheidtmann, neu besetzte Stelle ein anspruchsvolles Projekt an: Zum 1. Januar 2016 übernehmen die Stadtwerke Heiligenhaus auch das Stromnetz und stellen das gesamte Team „vor große Aufgaben“, so der Geschäftsführer. Die binnen Jahresfrist anstehende Arbeit nennt auch die gelassen-selbstbewusste technische Leiterin „sportlich“.

Selbst das Tagesgeschäft der Stadtwerker werde immer anspruchsvoller, sagt Michael Scheidtmann. Auch kleinstädtische Stadtwerke arbeiten mit immer größeren Datenmengen: „Wir müssen täglich den Gas- und Strombedarf vorhersagen. Dazu brauchen wir Wetter- und Winddaten und genaue Prognosen des Verbraucherverhaltens. Die Anforderungen an die Datenflüsse werden immer strenger.“

Allerdings wird Sylvia Bienert wohl nicht so hemdsärmelig improvisieren müssen wie einst im russischen Ural. „Fürs Improvisieren sind die Leute der DDR ja berühmt-berüchtigt.“ Und die Frage „Warum soll eine Frau nicht Technik können?“ – die hat sie längst überzeugend beantwortet.