Unterirdische Zeitzeugen in Heiligenhaus

Übersprüht und überrankt: der Bunkereingang in das unterirdische System zwischen Südring, Schul- und Hauptstraße.
Übersprüht und überrankt: der Bunkereingang in das unterirdische System zwischen Südring, Schul- und Hauptstraße.
Foto: WAZ FotoPool
Was wir bereits wissen
Der Heiligenhauser Untergrund ist an vielen Stellen durchlöchert wie ein Schweizerkäse. Der große Bunker am Südring kostete fünf Millionen Reichsmark.

Heiligenhaus..  Raschelnd wirbelt das Laub unter Ralf Jeratschs Füßen auf, während er durch das Unterholz im Paradies streift. Um den Bunkereingang unterhalb des Waldhotels zu finden, braucht man nämlich nicht nur Adleraugen, sondern auch einen sicheren Tritt. Die Anlage verschwimmt mit den Umrissen der Landschaft und ist für unwissende Spaziergänger nur schwer zu erkennen. Doch bei genauerem Hinsehen lassen sich überall in Heiligenhaus diese unterirdischen Zeitzeugen enttarnen.

Auf der halben Höhe des steilen Hanges angekommen, erkennt man zwei ausgeblichene Backsteinmauern. Etwa hüfthoch ragen sie vom Boden empor und verstecken wie ein massiver roter Schleier die Tür des Luftschutzstollens hinter sich. Tief geht es jedoch nicht in den Berg hinein – nach knapp 30 Metern ist Schluss und nur zehn von ihnen sind auch wirklich mit Ziegelsteinen ausgebaut.

„Im Zweiten Weltkrieg war in Heiligenhaus nicht viel los“, weiß Ralf Jeratsch. „Es gab kein flächendeckendes Bombardement, Splitter flogen aber trotzdem.“ Und genau vor diesen sollten die Mauern die Menschen schützen. Wie es allerdings hinter der zugemauerten Tür aussieht, weiß niemand mehr. „Damals als Kind habe ich noch in offenen Bunkern gespielt. Doch heute sind so gut wie alle Eingänge zugemauert“, erklärt Jeratsch. „Viele Anlagen sind marode und gefährlich.“

Fest verschlossen sind auch die Stahltüren der größten und mit Baukosten von fünf Millionen Reichsmark wohl auch teuersten Bunker in Heiligenhaus. Gegen Ende des Zweiten Weltkrieges sprengte die Wehrmacht ein rund 2000 Quadratmeter großes System aus Stollen und Kammern in das Gelände zwischen Südring, Schul- und Hauptstraße. Im Notfall bot die bombensichere und mit Frischluft versorgte Anlage 5000 Menschen Unterschlupf. In Betrieb sei sie aber nie so richtig gegangen.

Der große Bunker am Südring geriet nach dem Krieg in Vergessenheit – solange jedenfalls, bis es kalt an den Ost-West-Fronten wurde. „Im kalten Krieg in den 60ern wurde die Anlage noch einmal ausgebaut“, weiß Jeratsch. Drei Millionen Liter Wasser mussten aus den Gängen gepumpt werden, bevor die Anlage instand gesetzt werden konnte.

Dass unter der Erde gewühlt wird, konnten die Heiligenhauser erst sehen, als der Einstieg am Südring gemauert wurde. Eigentlich sollte in dem breiten Schacht ein Fahrstuhl die Menschen bequem 20 Meter nach unten bringen, doch dieser wurde nie eingebaut. Dafür schlängeln sich Eisentreppen hinab in die dunkle Tiefe. Und noch etwas wurde nicht gebaut: „Dass es einen Verbindungsgang zum Kiekert-Stollen gibt, ist völliger Quatsch“, versichert Jeratsch.

Zuflucht für den Sprengmeister

Keine Verbindung zu anderen Bunkern hat augenscheinlich auch die Anlage in der Leibeck. Wie der Stollen im Paradies reicht auch dieser nicht allzuweit ins Erdreich hinein. Hinter einem großen Erdhügel versteckt, lässt sich der Eingang von der Straße aus nicht erkennen.

Deutlich sichtbar ist dafür die etwa mannshohe Metallhülle nur wenige Meter neben dem Bunkereingang. Am Unterstand scheiden sich die Geister. Manch einer geht von einem Ein-Mann-Bunker aus, doch die Abteilung für Liegenschaften der Kalksteinwerke weiß es besser.

Das genietete und arg verrostete Gebilde im Wald sei ein Unterstand für die Sprengmeister. Auch heute noch haben die eisernen Hüllen einen festen Standplatz in den Steinbrüchen. Nicht alles, was also vor sich hin rostet, ist ein Bunker – doch groß ist die Wahrscheinlichkeit, dass sich in Heiligenhaus etwas unter Laub oder hinter Mauern versteckt.