Strukturell in den 70ern
25.05.2012 | 18:24 Uhr 2012-05-25T18:24:00+0200
Heiligenhaus. Gutachter ermittelt Flächenbedarf für Wohnraum und Gewerbe für die nächsten Jahrzehnte. Es fehlt an Dienstleistern in der Stadt. Stattdessen gibt es eine extreme Monostruktur an prodzierendem Gewerbe.
„Heiligenhaus ist wirtschaftsstrukturell irgendwo in den frühen 70er Jahren stehengeblieben.“ Die Worte erschrecken. Sie kommen aus dem Mund von Prof. Gerd Hennings, der im Auftrag des Kreises Mettmann (in Kooperation mit den Städten und der IHK) die Gewerbeflächenpotenziale der Städte unter die Lupe nimmt. Es geht darum, den Flächenbedarf für Wohnraum und Gewerbe für die nächsten Jahrzehnte zu ermitteln – diese Daten fließen in den Regionalplan ein, den die Bezirksregierung Düsseldorf derzeit neu erstellt.
Hennings belegt seine Bewertung in der Sondersitzung der Ausschüsse für Wirtschaftsförderung und Stadtentwicklung mit einer Reihe von Zahlen. Die zeigen im Kern: Das Heiligenhauser Gewerbe hat den niedrigsten Dienstleistungsanteil im Kreisgebiet. Doch gerade dieser Sektor biete das wichtigste Potenzial für Wachstum und Arbeitsplätze. Städte wie Ratingen und Langenfeld im Speckgürtel der Landeshauptstadt prosperieren, Hilden hat aufgeholt. Nur Niederberg verliert: Arbeitsplätze, Einzelhandel, Einwohner.
Dabei wird dem Mittelzentrum Heiligenhaus eine zwar sinkende, aber noch gute Kaufkraft attestiert. Doch die Menschen wohnen zwar hier, arbeiten und einkaufen tun sie in anderen Städten. „Aus der Einpendler- ist eine Auspendlerstadt geworden“, hat Hennings festgestellt. Grund dafür ist vor allem eine „extreme Monostruktur“ des produzierenden Gewerbes am Ort.
Metallerzeugende und verarbeitende Betriebe, Automobilzulieferer, Schloss- und Beschlagindustrie – die größte Stärke Niederbergs ist auch ihre größte Schwäche. Eine „große Konjunkturanfälligkeit“ lasse immer mehr Betriebe schließen oder zumindest Arbeitsplätze abbauen, sagt Hennings. Andere Branchen? Alternative Arbeitsplätze? Fehlanzeige. Dienstleistern fehlen Anreize – und das sind (neben der verkehrlichen Anbindung, sprich A 44) vor allem geeignete Flächen.
Und genau da liege das Problem. Im Regionalplan sei die sofort verfügbare Gewerbefläche – abgesehen vom „Grünen Jäger“ (14 ha) – auf äußerst niedrigem Niveau angesetzt (circa 7,5 ha). „Und einige dieser Flächen sind echte Karteileichen“, erklärt der Technische Beigeordnete Harald Flügge. Zum Beispiel das Bundeswehrgelände Talburgstraße.
Ein Teil wird bekanntlich vom Technischen Hilfswerk genutzt. Der andere liegt brach, seit Jahren schon. Obwohl die Stadt hier Gewerbe ermöglichen will, politische Beschlüsse liegen vor. „Doch die Bima, die Bundesanstalt für Immobilienaufgaben, sieht keinen Bedarf.“ Die letzten Kontakte lägen „bestimmt vier Jahre zurück“, sagt Flügge der WAZ. Der Erschließungsaufwand ist wegen der Altlasten hoch, „lieber zahlt der Bund fleißig die Entwässerungsgebühr“, ist Flügges Eindruck. Der einen ganz anderen Vorschlag hat: Flächen wie diese als ökologische Ausgleichsareale zu nutzen und zu entsiegeln. „Zumal in dem Gebiet eine Wasserschutzzone ausgewiesen werden soll, das heißt, Gewerbebau sowieso unmöglich wird.“
Dafür müssten andere Flächenpotenziale erschlossen und nachdrücklich bei der Bezirksregierung angemeldet werden. Flügge: „Stehengeblieben in den 70ern, das ist keine schmeichelhafte Aussage. Nur der kleinste Teil der Entwicklung ist durch Ratsbeschlüsse beeinflussbar gewesen. Der restriktive Flächennutzungsplan von 1992 hat die Grenzen gesetzt.“
Die Prognose des Gewerbe- und Industrieflächenbedarfs für Heiligenhaus in den nächsten 20 Jahren liegt laut Prof. Hennings zwischen 14,8 und 24,6 ha – um genau das nachzuholen, was andere Gemeinden im Kreis schon lange wirtschaftlich erblühen lässt.
0mitdiskutieren