Schillers Werke im Heiligenhauser Club

Was wir bereits wissen
Wie kann man die gesamte Literatur von Friedrich Schiller in zwei Stunden aufführen? Dass das geht, zeigte das Kom’ma Theater aus Duisburg.

Heiligenhaus..  Es ist Samstagabend, und es thront eine Schiller-Perücke auf einem Ständer unter der niedrigen Betondecke der Club-Bühne. Sobald das Stück beginnt, wandert die Perücke immer wieder um und über den massiven Holztisch in der Bühnenmitte, bespielt und umkämpft von vier Männern des Duisburger Kom’ma-Theaters.

Sie spielen Michael Ehnerts „Schillers sämtliche Werke — leicht gekürzt“ von 2009, in einer ihnen 2013 auf den Leib geschneiderten Fassung. Und zeigen darin, wie viele Perücken man seinerseits dem großen Dramatiker, „dessen Organe viel zu früh versagten, aber dessen Herz bis heute schlägt“, aufsetzen kann und aufgesetzt hat.

Der „Quentin Tarantino unter den Klassikern“, heißt es da in einem von vielen filmischen Bezügen, und wir sehen Nils Beckmann als Ferdinands Vater aus „Kabale und Liebe“ als den „Paten“ von einem Angebot sprechen, das der Sohn nicht ablehnen kann. Hilmi Sözer, der schon in der Bauarbeiter-Komödie „Was nicht passt, wird passend gemacht“ (2002) als Quoten-Türke Kümmel zu sehen war, gibt hier u.a. den Hitler, der (nicht ganz erfolgreich) versucht hat, „Wallenstein“ für die Nazis zu reklamieren. An anderer Stelle wird der große Schiller durch den Kakao gezogen, indem er auf Lebensgröße und auf den pathetischen Geist seiner Zeit zurechtgestutzt wird: „Körper wie ‘ne Vogelscheuche, grausamer schwäbischer Dialekt, Sommersprossen, und dann nicht die Möglichkeit, auf Ironie zurückzugreifen.“

Die Handlung erschließt sich sofort: Drei deutschstämmige (Nils und Till Beckmann, Uwe Frisch) und ein türkischstämmiger Schauspieler (Hilmi Sözer) spielen mit Verve und viel rotem Glitzerblut ein Remix aus elf Schiller-Stücken und streiten sich sehr amüsant um die Hauptrollen.

Dabei geben sie sich gerne gegenseitig auf den Deckel und spielen auch (was heute etwas bösartiger wirkt als noch 2009) die Karte der Deutschtümelei. Da wird Sözer von den drei anderen als Helmi, Hilti, Hiwi, Handy oder Indy verballhornt und kriegt zu hören, dass Schiller „Typen wie dich nicht auf dem Zettel gehabt“ hat bzw. (was es nicht besser macht) dass es bei Schiller doch oft „Randexistenzen“ gibt, „Gaukler, Wahnsinnige, Trunkenbolde, Prostituierte, Drachen“, worauf Sözer sich beschwert und prompt die nächste Hauptrolle bekommt: als Luise Millerin. Fortan spielen die vier Männer (wie in alten Shakespeare-Zeiten und durch die Bank überzeugend) alle großen Frauenrollen – echte Frauen hätten das nicht besser hingekriegt. Ferner lässt sich auch immer wieder der genialische August Wilhelm Iffland (Franz Moor in der Uraufführung der „Räuber“) blicken und stiftet mit seinem Iffland-Ring, der testamentarisch dem „jeweils bedeutendsten und würdigsten Bühnenkünstler des deutschsprachigen Theaters auf Lebenszeit verliehen“ wird, weitere Kabale. Was schließlich dazu führt, dass der aktuelle Träger (Bruno Ganz) angerufen und in die Aufführung eingeladen wird und dass sogar erwogen wird, den Rezensenten zu verprügeln, um noch mehr Presse zu bekommen.

Das gefiel nicht nur dem Rezensenten. „Genial“, war nach der Aufführung zu hören, das geht ans Stück und die Leistung des Ensembles. Eine Zuschauerin sagte sogar, dass diese Schauspieler einfach wunderbar anzusehen sind — egal, was sie spielen. So oder so ähnlich dachten wohl alle Zuschauer. Denn den Schlussapplaus spendeten alle im Stehen.

Wie sich dieser gelungene Schiller-Remix in das Motto „Aufbruch“ der diesjährigen Neanderland-Biennale einfügt, bleibt allerdings unklar.