Rundmails
20.02.2010 | 08:11 Uhr 2010-02-20T08:11:00+0100Kerstin erinnert sich noch. An die Zeit, als sie im Büro tatsächlich arbeiten konnte. Der Briefträger brachte einmal am Tag die Post.
Ab und zu kam ein Fax. Wenn Kerstin sich mit einem Kollegen besprechen musste, ging sie in dessen Büro. Und heute?
Bevor sich Kerstin ihren Aufgaben widmen kann, muss sie den E-Mail-Eingang überwinden. Der Berg elektronischer Post, den allein Kollegen über die Firmenserver jagen, wächst täglich. Drei Viertel der Belegschaft täuschen Aktivität vor, indem sie möglichst viele Kollegen mit Kopien ihrer Memos quälen – auch wenn der Empfänger mit den Ausführungen nicht das Geringste anfangen kann.
Neulich meldete eine Dame aus der Buchhaltung, sie vermisse ihre Diddle-Tasse. Toll, Kerstins Büro ist zwei Kilometer entfernt. Somit sollte sie unverdächtig sein und schlicht in Ruhe gelassen werden. Nach der Tassen-Zumutung fasste sich Kerstin ein Herz: Statt den ganzen Quatsch zu lesen, rückt sie internen Rundmails nun mehrmals täglich mit der Löschtaste zu Leibe.
Erstmals seit langer Zeit verlässt Kerstin abends zufrieden das Büro. Mit dem Gefühl, ihre Arbeit geschafft zu haben. Wer weiß, vielleicht verhilft ihr dieser Vorteil sogar zu einem Karrieresprung. ter
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