Raus aus der Schublade

Jugendhilfetag in der Mensa der Gesamtschule: An Infoständen konnten sich die Teilnehmer (u.a. aus den Bereichen Erziehung, Schule, Medizin und Sonderpädagogik) mit Materialien versorgen und Fachgespräche führen.
Jugendhilfetag in der Mensa der Gesamtschule: An Infoständen konnten sich die Teilnehmer (u.a. aus den Bereichen Erziehung, Schule, Medizin und Sonderpädagogik) mit Materialien versorgen und Fachgespräche führen.
Foto: Herbert Höltgen
8. Jugendhilfetag beschäftigte sich mit dem Thema „Inklusion“. Referenten beschäftigten sich mit der Alltagstauglichkeit der UN-Konvention.

Heiligenhaus..  „Mein Grundschulleiter war viele Jahre seiner Zeit voraus. Der hat schon bei mir praktiziert, was man heute Inklusion nennt“, sagt Peter Schmidt, Jahrgang 1966. Zum Lernen durfte er öfter mal ins Büro des Schulleiters, „weil ich absolute Ruhe brauchte“. Hochbegabung wurde ihm schon in seiner Jugend bescheinigt, doch mit seinen Macken wusste niemand so richtig umzugehen. Was mit ihm los ist, erfuhr Peter Schmidt tatsächlich erst mit 41 Jahren: Er ist Autist mit ausgeprägtem Asperger-Syndrom.

Über seine Erfahrungen mit diesem Handicap hat der promovierte Geowissenschaftler und IT-Experte mehrere Schriften und Bücher verfasst. Beim Heiligenhauser Jugendhilfetag zum Thema „Inklusion“ am vergangenen Samstag sorgte er mit seinen humorigen Ausführungen für eine ganz andere Sicht der Dinge.

„Eigentlich bin ich sogar für die Abschaffung der Schulpflicht“, zeigt sich der Referent im Pressegespräch als Revoluzzer. „Lernpflicht müsste es stattdessen geben, zumindest für Menschen wie mich, die die Gesellschaft anderer nur schwer ertragen können. Denn Autisten sollen und können genauso ihr Abi machen wie alle anderen.“

Das sieht auch Prof. Dr. Hans Wocken ebenso. „Ob und wie man bestimmte Gruppen von Menschen mit Behinderungen in bestehende Lernsysteme eingliedern kann, was man dagegen ändern muss, welche baulichen und personellen Voraussetzungen wünschenswert sind, das alles sind große Herausforderungen, die Städte und Gemeinden jetzt angehen müssen.“ Denn das Ziel stehe mit der Behindertenrechtskonvention fest: die Teilhabe Behinderter an allen Bereichen des gesellschaftlichen Lebens. „Alle dahingehenden Entwicklungsprozesse müssen allerdings von der Basis her kommen. Man kann keine Norm, so und nicht anders hat Inklusion zu funktionieren, über alles stülpen“, erläutert Wocken, der unter anderem an der Universität Hamburg einen Lehrstuhl für Lernbehindertenpädagogik innehatte.

Inklusive Kindertagesstätte

Einige Schritte in Richtung Inklusion habe die Stadt Heiligenhaus ja schon unternommen, berichtet Jugendamtsleiter Thomas Langmesser: Die inklusive Kindertagesstätte „Die kleine Robbeninsel“ in Grün Selbeck mit dem Verein Pro Mobil als Träger hat im August ihren Betrieb aufgenommen, die Grundschulen Oberilp und St. Suitbertus arbeiten mit inklusiven Unterrichtskonzepten, und auf dem Gebiet der weiterführenden Schulen hat die Realschule seit diesem Schuljahr Kinder mit Lernbehinderungen und sozial-emotionalen Defiziten aufgenommen.

Doch wie sieht es bei der Ausbildung und später im Berufsleben aus? Peter Schmidt stellt fest: „In den Firmen herrscht Schubladendenken. Da müssen die raus!“ Solange äußere Bewertungskriterien und starre Arbeitsplatzvorgaben vorherrschten, habe er Sorge, dass Inklusion dort erst einmal in einer Sackgasse stecken bleibe.

Vorträge und Workshops

„Vielfalt (er)leben“ lautete das Leitmotiv des nunmehr 8. Jugendhilfetags in Heiligenhaus. Weit mehr als 120 Teilnehmer nutzten die Gelegenheit, in der Mensa der Gesamtschule an Vorträgen und Workshops teilzunehmen.

Sie kommen u.a. aus den Bereichen Schule, Sonderpädagogik, Sozialarbeit, Medizin und Erziehung. Christina Unbehend, pädagogische Leiterin der „Rasselbande“, dem offenen Ganztagsangebot in der Suitbertus-Schule, ist eine von ihnen. „Die Vorträge sind sehr praxisnah“, sagt sie. „Die Schilderungen von Peter Schmidt finde ich sehr amüsant. Aber man merkt, wie schwierig es für einen Autisten wie ihn ist, seinen Weg zu finden.“

Sie selbst habe einige Zeit mit geistig Behinderten im Velberter Lebenshilfeheim gearbeitet: „Ich bewundere immer ihre Lebensfreude und die Energie.“ Für ihre jetzige Tätigkeit wünsche sie sich mehr Unterstützung durch fachlich versierte Pädagogen, „damit Inklusion nach dem Unterricht nicht zur Worthülse wird“.