Multilingual in Heiligenhaus

Chris und Anke Castle inmitten eines Teils ihrer Großfamilie: leibliche Kinder, Nichte und Pflegesohn.
Chris und Anke Castle inmitten eines Teils ihrer Großfamilie: leibliche Kinder, Nichte und Pflegesohn.
Foto: WAZ FotoPool
Was wir bereits wissen
Zwischen Pfannkuchen und Pancakes: Familie Castle berichtet aus ihrem mehrsprachigen Alltag mit drei Töchtern und zwei Pflegesöhnen.

Heiligenhaus..  Dass sein Vorname gar nicht Daddy lautet, merken die meisten Freunde seiner Kinder erst, wenn in der Schule Englisch auf dem Stundenplan steht. Bis es allerdings soweit ist, heißt er halt einfach nur Daddy. Wahlweise auch „Onkel Daddy“. Chris Castle erzählt’s und schmunzelt. Der gebürtige Engländer lebt mit seiner Frau Anke, den drei Töchtern und zwei Pflegesöhnen in Hetterscheidt.

Im Haus der Castles mischen sich nicht nur zwei Sprachen, sondern auch zwei Kulturen. Chips sind hier Crisps, Pfannkuchen Pancakes und der Vater, der heißt hier nie Papa, sondern immer Daddy.

Während Chris Castle seiner achtjährigen Tochter Sophie etwas in seiner Muttersprache erklärt, antwortet ihm die Kleine munter auf Deutsch. Aber eigentlich heißt Sophie heute gar nicht Sophie, sondern Greta, und ist inkognito unterwegs. Deshalb will sie heute auch nicht so gerne fotografiert werden. „Come on“, sagt Chris Castle. Erst als ihre kleine Schwester Livia sich anstandslos ablichten lässt, macht auch Sophie mit.

Sprach-Mischmasch

Livia, die jüngste der drei Castle-Mädels, fordert oft ein, dass der Vater Deutsch mit ihr spricht. Ihre beiden Schwestern nehmen das Sprach-Mischmasch gelassen.

Wer jetzt denkt, bei Familie Castle werden Sätze, Vokabeln und Sprachen wild durcheinander gewirbelt, liegt falsch. Es gibt Situationen, in denen nur die deutsche und andere, in denen nur die englische Sprache zum Einsatz kommt. Geschimpft und gestritten wird in der Großfamilie zum Beispiel nur auf Englisch. Und das hat einen ganz naheliegenden Grund: „In einer fremden Sprache kann man manchmal Dinge sagen, die viel zu hart sind“, erklärt der 37-jährige Chris Castle. Wenn der Familienvater seinen Kindern hingegen eine schwierige Mathe-Aufgabe erklären möchte, geht das nur auf Deutsch – um es den Kindern leichter zu machen. Denn Deutsch, das ist trotz all der englischen Begriffe im Alltag der Castle-Kinder die Muttersprache.

„Mit den größeren Kindern haben wir anfangs konsequent englisch gesprochen“, erinnern sich die Eltern. Gerade beim Essen, wenn sich alle um den Familientisch versammelten. Im Alltag sei das aber nicht immer durchzuhalten. Grund dafür ist auch ihr 16-jähriger Pflegesohn. Durch seine geistige Behinderung könnte er der englischen Unterhaltung am Tisch nicht folgen.

Einfach drauf los quatschen

Wenn es in den Sommerferien rauf auf die Insel zu Castles Familie nach Norfolk geht, heißt es für die ganze Familie „Tschüss Deutsch – Hello English“. – „Wir sind dann immer wieder verwundert, wie gut unsere Kinder die Sprache sprechen“, sagt Anke Castle. Sie selbst reiste nach dem Schulabschluss mit Schulenglisch-Kenntnissen nach Australien, wo sie ihren späteren Mann und seine Sprache besser kennenlernte. Inzwischen beherrscht sie die Muttersprache ihres Mannes perfekt.

Soweit ist ihr Nachwuchs noch nicht. Auch wenn die Kinder mit einem gebürtigen Engländer und Englisch-Lehrer als Vater aufwachsen, heißt das nicht, dass sie selbst das Vokabelheft links liegen lassen können. „Sie müssen genau so lernen und bringen nicht automatisch nur Einsen nach Hause“, sagt Vater Castle. Trotzdem falle ihnen das einfach „Drauflosquatschen“ in einer anderen Sprache leichter. Das merke man auch bei der ältesten der drei Schwestern. Auf Elises Stundenplan steht neben Englisch nämlich jetzt auch Französisch als Fremdsprache.

Die Fremdsprache Deutsch, das war für Chris Castle in der ersten Zeit in Heiligenhaus eine echte Herausforderung. Hineingeplatzt in die Heiligenhauser Großfamilie seiner Frau, gaben sich alle Mühe und kramten ihre Englischkenntnisse hervor. „Nur die Schwiegermutter war gnadenlos“, erinnert sich Chris Castle und lacht. Inzwischen spricht der 37-Jährige gut, aber nicht akzentfrei Deutsch und unterrichtet am örtlichen Immanuel-Kant-Gymnasium Sozialwissenschaften und – of course – Englisch.