Mehr Austritte in der evangelischen Kirche Heiligenhaus

Im WAZ-Gespräch berichtet der evangelische Pfarrer Horst-Ulrich Müller zum Thema Kirchenaustritte und Herausforderungen der evangelischen Kirche im Jahre 2015.
Im WAZ-Gespräch berichtet der evangelische Pfarrer Horst-Ulrich Müller zum Thema Kirchenaustritte und Herausforderungen der evangelischen Kirche im Jahre 2015.
Foto: WAZ FotoPool
Was wir bereits wissen
Im letzten Jahr traten doppelt so viele Menschen aus der Kirche aus wie sonst im Durchschnitt. Doch mit dem Austritt kündige man auch die Solidargemeinschaft, so Müller.

Heiligenhaus..  „Man kann ohne Gott leben, man kann ja auch ohne Liebe leben. Aber mit ist doch einfach schöner.“ Pfarrer Horst-Ulrich Müller hat sie schon öfters gehört, die Frage nach dem warum: Warum soll ich in der Kirche bleiben? Warum soll ich mein Kind taufen lassen? Warum soll ich an Gott glauben? Nur mit denen, die bereits ausgetreten sind, kommt Müller, wie er selber findet, leider selten ins Gespräch.

Im Schnitt, so berichtet der evangelische Pfarrer, würden pro Jahr rund 35 Menschen aus der Heiligenhauser evangelischen Kirche austreten — doch im Jahr 2014 waren es doppelt soviel. Zwei Gründe sieht Müller dafür: „Auf der einen Seite ist es oft die Kirchensteuer, auf der anderen Seite hat wohl auch die Frage der Glaubwürdigkeit der Kirchen im Zusammenhang mit dem katholischen Bischof Tebartz-van Elst gelitten.“

Einen taktischen Fehler sieht Müller darin, dass die Info darüber, dass von Kapitalerträgen, wie Aktien oder Zinsen, nun automatisch die Kirchensteuer abgezogen wird, von den Banken kam: „Die Info hätte direkt von uns kommen müssen. So haben sich die Mitglieder gefragt: Wieso erfahren wir das von der Bank? Was soll das?“

Die Entwicklung der Kirchenzugehörigkeit findet Müller interessant: „Der Kern der aktiven Mitglieder wird immer größer, aber auch gleichzeitig der Kern derjeniger, denen die Kirche völlig gleichgültig ist. Wenn dann so ein Schreiben kommt, fragen diese sich, wieso sie noch in der Kirche sind.“ Denn wenn sich jemand über seine Kirche oder seinen Pfarrer ärgert, würde er das Gespräch suchen.

Der Trugschluss des Sparens

Diese zunehmende Gleichgültigkeit liege laut Müller darin, dass Menschen oft gar nicht mehr mit Kirche in Verbindung kämen – zumindest nicht bewusst. „Wie selbstverständlich wird das Kind in den Kindergarten gebracht. Dass dieser eventuell konfessionell betrieben wird, darüber denkt man dann nicht nach.“ Wenn immer mehr aus der Kirche austreten, müsse der Staat dann an anderer Stelle dafür sorgen, dass dieses Geld wieder reinkommt, kommentiert Müller den Trugschluss, durch den Austritt sparen zu können: „Der Austritt aus der Kirche ist gleichzeitig auch ein Austritt aus der Solidargemeinschaft.“

Denn vieles wird von den Kirchen übernommen: Kindergärten, Schulen, Organisationen wie das Diakonische Werk, die Beratungen und Hilfe anbieten und vieles Ehrenamtliche. Kirchliche Hochzeiten oder Beerdigungen würden nur Mitgliedern zustehen, hier gibt es sehr selten Ausnahmen.

Fast schon mit Ironie betrachtet Müller übrigens die Pegida-Bewegung: „Hier wird das Abendland von den völlig Falschen verteidigt. Ein Christ hat auf solchen Kundgebungen nichts zu suchen. Ein Grund, in die Kirche einzutreten, war, dass der Kölner Dom und die evangelische Antoniterkirche ihr Licht ausgemacht hatten. Das macht doch stolz, Christ zu sein.“