Maibaum jagte Mosquitos

Ein solcher Samos Empfänger (Empfangsbereich von 80-480MHz) spürte die Oboe Signale auch im Heiligenhauser Maibaum auf. .
Ein solcher Samos Empfänger (Empfangsbereich von 80-480MHz) spürte die Oboe Signale auch im Heiligenhauser Maibaum auf. .
Foto: Helge Fykse, LA6NCA.
Was wir bereits wissen
Die Funkaufklärungsstelle „Maibaum“ am Isenbügeler Kopf sorgte während des zweiten Weltkrieges dafür, dass die Menschen früher gewarnt werden konnten.

Heiligenhaus..  Wie ein paar große Ohren strecken sich die beiden Naxburger Empfänger in die Luft. In entgegengesetzter Richtung zueinander versuchen sie die Funkfrequenz der englischen Bomberverbände aufzuspüren und ihren Weg bis ins Ruhrgebiet zu verfolgen. Hinter den riesigen Schüsseln steht ein kleiner Holzwagen. Mit Zweigen und Gestrüpp auf dem Dach waren die Soldaten und Nachrichtenhelferinnen im Inneren vor neugierigen Blicken von oben geschützt.

In Holzbaracken in der Nähe saßen die Blitzmädchen vor weiteren Funkempfängern und steuerten Störsender. Die Funkaufklärungsstelle „Maibaum“ am Isenbügeler Kopf sorgte während des Zweiten Weltkrieges dafür, dass die Menschen so früh wie möglich gewarnt werden konnten.

Sperrholz, Fichtenholz und Birkenholz – das ist alles, was Konstrukteure brauchen, um ein Flugzeug zu bauen. Gut, leistungsfähige Rolls-Royce-Motoren und ein paar Instrumente für das Cockpit sind auch noch nötig, um dem Vogel das Fliegen beizubringen. Das Holzflugzeug aus England sorgte anfangs bei der deutschen Wehrmacht nicht für Angst und Schrecken, sondern für ein müdes Lächeln.

Wenig später richteten die sogenannten Mosquitos als einzelne Schnellbomber und Pfadfinder für die schweren Bomberverbände verheerende Schäden im Ruhrgebiet an. Rund um die Uhr musste sich die Bevölkerung vor den Mosquitos in acht nehmen und regelmäßig in die Bunker flüchten. Anders als die behäbigen Bomber aus Metall, flogen sie bis zu 10 000 Meter hoch und 700 Kilometer schnell. „Für die Flak waren sie nicht mehr zu erreichen, und auch die Jagdflugzeuge kamen nicht an sie heran“, erklärt Funkamateur Jürgen Stecher. Unerreichbar und meist ohne Vorwarnung ließen sie bis auf 100 Meter genau ihre Bomben über dem angepeilten Ziel auf Rüstungs-Hochburgen fallen.

Das für Flugmeldewesen zuständige Luftgaukommando VI entwickelte auf Drängen der Rüstungsindustrie akustische Erfassungsgeräte, die die Mosquito-Einflüge von Rheine über das Westmünsterland verfolgen sollten. Nach einiger Zeit ließen sich bestimmte Anflugsmuster erkennen. In einer Kreisform flogen die „hölzernen Wunder“ ihre Ziele im Ruhrgebiet an und warfen zeitgenau ihre Bomben ab.

Die Vermutung lag nahe, dass die Flugzeuge per Funk aus England geführt wurden. Aber die vorgesetzten Stellen hatten Zweifel daran. Erst als an Bord eines in der Nähe von Rotterdam, abgestürzten Bombers ein H2S Luft-Boden-Radar gefunden wurde, war schnell klar, dass gehandelt werden musste.

Auf Drängen des Luftgaukommandos VI wurden die Funkmeß-Beobachtungsstellungen Efeu (bei Elen/Wesel) und Maibaum (Isenbügeler Kopf) eingerichtet. Sie sollten zunächst die Signale der Rotterdam-Geräte mit den so genannten Naxos-Empfängern aufspüren. Doch das gelang anfangs nicht. „Funkamateure, die im Maibaum stationiert waren, erkannten, dass die Naxos-Geräte, so wie sie von der Industrie geliefert wurden, nichts taugten.“ Mit handwerklichem Geschick bauten sie die drei Meter große Parabolantenne eines Würzburg-Radars an den Empfänger.

Bomber per Funk aus England geführt

Zum ersten mal schlugen die Messgeräte des „Naxburg“-Empfängers in der Nacht vom 21. auf den 22. September 1943 aus. Die Lauscher des Maibaums konnten den Flugweg eines Mosquitos in 150 Kilometern Entfernung auf ein Grad genau verfolgen. Als andere Funkmeß-Beobachtungsstellen (kurz FuMB) im Frequenzbereich bei 240 MHz die Morsezeichen A, B, C, D und ST mit jeweils zwei Minuten Abstand zueinander entdeckten, stand kurz darauf auch im Maibaum ein Empfänger für diesen Frequenzbereich.

Katz und Maus Spiel am Himmel

Nun konnte der Verdacht der Funkführung für Mosquito-Bomber bestätigt werden. Vergleiche mit Aufzeichnungen über Bombenabwürfe im Ruhgebiet ließen Parallelen zu den Morsezeichen erkennen. Nachdem alle Puzzleteile zusammengesetzt wurden, war klar: ST war das von England aus gesendete Signal für den Bombenabwurf über dem Ziel. Die Zeichen A, B, C und D gaben dem Piloten die Zeit bis zum Abwurf an. Damit legte die Heiligenhauser Funkmeß-Beobachtungsstellung den Grundstein dafür, dass die Flugrouten der Bomber schneller erkannt und die Menschen im Gefahrenbereich rechtzeitig gewarnt werden konnten

Jetzt wo das sogenannte „Oboe“ beziehungsweise von der Wehrmacht als „Bumerang“ bezeichnete Navigationssystem geknackt war, mussten die Deutschen sich etwas überlegen, um die Mosquitos erblinden zu lassen. „Die Angriffssignale wurden von den Nachrichtenhelferinnen an den Stördienst weitergeleitet. Außerdem halfen sie den Störstellen dabei, die richtige Sendefrequenz der Störsender einzustellen“, weiß Jürgen Stecher. Lange unentdeckt blieb das bei den Briten allerdings nicht. Wie bei einem „Katz und Maus“-Spiel erhöhten sie im Gegenzug immer wieder die Sendefrequenzen um den großen Ohren des Maibaums zu entgehen.

Einmal kam es im Maibaum beinahe zu einer Katastrophe. Länger als erlaubt, blieben die „Blitzmädchen“ Godehard und Küppers an ihren Geräten sitzen, um einen Angriff auf das Essener Kruppwerk zu verhindern. Normalerweise sollten die Nachrichtenhelferinnen schnellstmöglich Schutz suchen. Die durch die Störung von „Bumerang“ fehlgeleiteten Bomben gingen in direkter Nähe zum Maibaum nieder, verfehlten die Station jedoch. Für ihre Tapferkeit und ihr Engagement erhielten Godehard und Küppers eine Asuzeichnung. Übrigens: die Nachrichtenhelferinnen im Maibaum trugen, anders als viele ihrer Kolleginnen, Hosen anstatt der adretten Uniformen mit Röckchen.

Maibaum gesprengt

Getroffen hat es den Maibaum wenige Jahre später allerdings doch. Als die Amerikaner auf dem Vormarsch waren, sprengten die Deutschen die Anlage höchstpersönlich in die Luft. „Es war moderne und streng geheime Technik darin verbaut“, weiß Stecher. Vermutlich ging der Maibaum am 10. April 1945 in Rauch auf.

Dort, wo vor siebzig Jahren die großen Naxburg-Empfänger standen, richten heute Funkamateure aus Duisburg und Heiligenhaus mehrmals im Jahr ihre Antennen in den Himmel. „Diese Orte haben eine Geschichte. Die Topographie ist zum Funken optimal – das wussten nicht nur die Menschen zur Zeit des Zweiten Weltkrieges zu schätzen“, erklärt Stecher, der selbst schon vom Isenbügeler Kopf aus funkte. Die Spuren der Geschichte sind an manchen Stellen zu tiefen Eindrücken geworden.