Lesung mit vollem Körpereinsatz
01.06.2009 | 13:00 Uhr 2009-06-01T13:00:00+0200
„Schauspieler haben nichts, außer sich selbst und ihre Eitelkeit.” Sagte einst Heinz Erhard. Aber bei Anna und Sebastian Faust lag er damit falsch. Das Paar brachte am Freitagabend ein ganz neues Konzept mit nach Heiligenhaus – die Ganzkörperlesung.
Im Rahmen der Neanderland-Biennale und unter dem Motto „Alles Theater” lasen die beiden Diplomschauspieler im Museum Abtsküche komödiantische Texte rund um die Bretter, die die Welt bedeuten. Mit verteilten Rollen, voller Emotion und mit passender Mimik wurden die beiden Hamburger regelrecht zu Protagonisten der Geschichten von Loriot, Tucholsky und Co.
In der zweistündigen Lesung gaben sie kleine Einblicke in ihren Beruf, der voller Klischees steckt – wie dem von der alternden Diva: Die versucht mit Hochprozentigem ihren Frust über die jüngere Konkurrenz einfach runterzuspülen. Wild gestikulierend übernahm Anna Faust diesen Part in einem Text von Woody Allen, regte sich über schlechte Rollenangebote auf und meckerte über junge Kollegen.
Komödiantisches Talent voll ausgespielt
Wer kann Schauspieler so schlecht machen, dass niemand sie mehr engagieren möchte? Kritiker! Dass die aber auch gern mal danebengreifen, bewies das literarische Duett mit historischen Kritiken: Wer würde heute noch behaupten wollen, dass Puccinis La Bohème „dumm und inkonsequent” sei oder Strauss „wenig Talent hat, dafür aber unverschämt ist”?
Kein Fehlgriff war Loriots unvergessener „Garderoben”-Sketch: Frau weiß nicht, welches Kleid sie zum Theaterbesuch anziehen soll; Mann ist schon so genervt, dass er bei jeder Stoffvariante bloß zustimmend nickt – in diesen Rollen konnten Anna und Sebastian Faust ihr komödiantisches Talent voll ausspielen.
Und was machen Schauspieler, wenn sie nicht auf der Bühne stehen? Rumsitzen und Däumchendrehen? Mitnichten: Nach einer langen Fahrt ins Nirgendwo endlich im Hotel ankommen, folgen Soundcheck, Essen, Auftritt, schnell noch ein paar Drinks – und der Aufbruch zum nächsten Spielort. Wo der liegt? Das lasse sich meist nur mit einem Achselzucken beantworten.
Dass sie Station in Heiligenhaus gemacht haben, belohnte das Publikum mit viel Applaus, auf den zwei Zugaben folgten. Um es mit den Worten des kleinen Nick zu sagen, einer Figur von Asterix-Erfinder René Goscinny: „Theater ist das Schönste auf der Welt.” Besonders wenn es so leidenschaftlich umgesetzt wird.
19:42
Vielen Dank für die Gastfreundschaft in Heiligenhaus und die Möglichkeit, bei Ihnen Lesen zu dürfen! Das hat sehr viel Spaß gemacht und wenn ich diese wunderbare Kritik lese, Ihnen wohl auch! Danke dafür und sehr gerne bis bald,
Ihre Fäuste aus Hamburg