Lebenspraktische Kompetenzen

So ein Kreditvertrag kann Studenten Angst machen – wenn sie als Schüler gar nicht auf die möglichen Fallstricke des Lebens vorbereitet wurden
So ein Kreditvertrag kann Studenten Angst machen – wenn sie als Schüler gar nicht auf die möglichen Fallstricke des Lebens vorbereitet wurden
Foto: WAZ
Was wir bereits wissen
Die drei Schulleiterinnen der weiterführenden Schule in Heiligenhaus nehmen Stellung zur Diskussion um den „Gedichtanalyse“-Tweet im Internet.

Heiligenhaus..  „Ich bin fast 18 Jahre und habe keine Ahnung von Steuern, Miete oder Versicherungen. Aber ich kann eine Gedichtanalyse schreiben. In vier Sprachen.“

Die 17-jährige Nina aus Köln hatte diese kurze Aussage getwittert und damit eine Welle von Diskussionen ausgelöst. Viele Teenager stimmen der Schülerin zu. Die Redaktion der WAZ hat bei den drei weiterführenden Schulen (Kant-Gymnasium, Realschule und Gesamtschule) nachgefragt, was sie von dem Statement halten.

Die Schulleiterinnen der drei Schulen antworteten gemeinsam: „Die Länge des Tweet – vier Sätze – macht aber schon klar, dass es sich hier um ein prägnantes, emotionales Statement einer Schülerin in der Zeit der Abiturvorbereitung handelt – und eben nicht um eine ausführliche Analyse der Passung des Bildungssystems von heute an die Lebenswirklichkeit in der Zukunft der jungen Menschen“, so die Antwort der Schulen. Doch ist das so? Oder fasst die Aussage die Hauptprobleme des Schulsystems doch passend auf?

Die Heiligenhauser Schulen sagen, dass die Themen Versicherungen, Steuern und das Abschließen von Verträgen bei ihnen unterrichtet werden. Aber sie wollen auch Wert auf andere Dinge legen, da „die Reduzierung auf Effizienz nach der Schulzeit schnell genug kommt“. Darüber hinaus weisen sie darauf hin, dass Schüler durch die große Informationsbreite in den verschiedenen Fächern ein breit gefächertes Allgemeinwissen aufbauen. So lernt zum Beispiel „auch ein späterer Bankkaufmann die Schönheit einer Mozart-Symphonie kennen“ und „einer angehenden Ingenieurin wird der Zugang zu einem Goethe-Gedicht ermöglicht“. Darüber hinaus sei es für jeden Menschen bedeutsam, etwas über unsere Geschichte, die Weltkriege sowie die Weltreligionen zu wissen, auch wenn einem das nicht bei der Wahl der richtigen Krankenversicherung helfe. Auch der Punkt Fremdsprachen wird angesprochen: „Wann, wenn nicht während der Schulzeit, hat ein junger Mensch die Möglichkeit, mehrere Fremdsprachen zu erlernen?“

Die Schulen sind also der Meinung, dass die Schüler ausreichend aufs Leben vorbereitet werden, insbesondere da „eine Aufzählung aller Beiträge zum Erwerb von lebenspraktischen Kompetenzen und Lebenstüchtigkeit den Rahmen des Artikels sprengen würde“. Außerdem stellen sie die Frage, ob es überhaupt sinnvoll ist, dass Schulen noch weiter in die „individuelle Erziehungs- und Lebenswelt der Familien“ eingreift. Vielleicht sei es besser, wenn die Familien einige Aspekte der Lebensvorbereitung selber übernehmen.