Kunst lebt in Tautropfen und Tiergesichtern

Im Gänsemarsch geht’s zur Einstimmung durch die Ausstellung, den „inneren Fotoapparat“ eingeschaltet.
Im Gänsemarsch geht’s zur Einstimmung durch die Ausstellung, den „inneren Fotoapparat“ eingeschaltet.
Foto: FUNKE Foto Services
Ihr erster Museumsbesuch führt die Regenbogenschüler aus der Oberilp ins Oberschlesische Landesmuseum, zur Ausstellung des Bergischen Künstlerbundes.

Heiligenhaus / Ratingen..  „Das darf man anfassen!“ Acht- und Neunjährige lassen sich sowas nicht zweimal sagen. Ein entschlossener Griff an das wie ein Horn gewundene Metall: Ist es biegbar? Lässt sich der schwere Stein vielleicht anheben? Der Künstler steht schmunzelnd daneben. Berthold Welter weiß, „die Hände müssen prüfen“ – ob der Blick auch alles richtig erfasst hat.

Am Dienstag war das Oberschlesische Landesmuseum in Hösel der Schauplatz für den Kunstunterricht der Regenbogenschule. Schließlich ist Ute Küppersbusch nicht nur die Musik- und Kunstlehrerin der Grundschüler, sondern zugleich Vorsitzende des Bergischen Künstlerbundes. Und dessen 25 Mitglieder präsentieren ihre Jahresausstellung noch bis zum Wochenende im Obergeschoss des Landesmuseums.

Die in Stein gehauenen Wesen mit ihren Gliedmaßen aus Holz, Metall und Horn „sind nicht ausgedacht“, erklärt Berthold Welter seinem jungen Publikum, „die gibt es wirklich“. Inspiration für die massiven Skulpturen des gelernten Steinmetz’ aus Leichlingen sind zarte Wesen, sichtbar nur unter dem Mikroskop: „Das Leben im Wassertropfen“ ist das lebenspralle Buch, aus dem der Bildhauer schöpfte.

Poetische neue Titel für Collagen

Die Mädchen und Jungen hatten anderes erwartet – Dinosaurier vielleicht. „Unsere Kinder aus der Oberilp“, weiß Ute Küppersbusch, ebenfalls Bildhauerin, „haben vorher noch nie ein Museum gesehen“. Also ein Stress-Tag für die Lehrerin und ihre mithelfenden Künstlerkollegen? „Stressfrei“, widerspricht die Pädagogin. „Sie haben heute gelernt, dass ein Museum ein spannender Ort ist.“ Während ihrer eigenen Kindheit war’s noch anders, „musste ich die Hände auf dem Rücken halten“.

Mahnende Worte gab’s allerdings vor den großformatigen Tierzeichnungen von Herbert Siemandel-Feldmann, so naturalistisch gearbeitet, dass man verführt sein könnte, ins Fell des Geparden oder ans knospige Horn der Giraffe greifen zu wollen. Der Zeichner schuf sie mit Kohle auf Leinwand – und ein Junge fragte verwegen: Ob sich die feinen Striche etwa mit dem Radiergummi ausradieren ließen?

Strenges Räuspern der Kunstlehrerin. Dabei ist sie voll des Lobes über die poetische Kreativität ihrer Kunstklassen: Eine Aufgabe der mit großen Papierbögen ausgestatteten Regenbogenschüler lautete, für die digitalen Collagen von Uwe Dreyer passende Titel zu finden.

Spiegelkabinett als Märchen-Kulisse

Der Fotograf aus Essen gab seinen Tieren in elegisch leeren Landschaften eher grimmige Titel wie „Umweltsünden I“ oder „Giftmüll I“. Die jungen Oberilper sehen das ganz anders. Für sie sind es „Fische im Kristallspitzenland“ oder ein „Schwitzender Pinguin“.

Beeindruckt sagt Ute Küppersbusch: „Kinder haben ihre eigenen Wahrheiten.“ In Inge Dropmanns detailreichem Gemälde einer reviertypischen alten Industriehalle mit mächtigen Fensterbögen sahen sie ein „Spiegelkabinett“ und Märchen-Kulisse. Wer aktuelle Kunst so einfallsreich deutet, kann mit lockerer Hand am Zeichenstift auch neue Lebewesen erschaffen: Geschöpfe des Tautropfens, wie sie noch kein Mikroskop gesehen – und auch Bildhauer Berthold Welter noch nicht gemeißelt hat.

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