Idealstadt für alle Wahl-Statistiker

Foto: Stadt Basildon
Was wir bereits wissen
Berühmt ist Basildon für seine Pop-Musiker. Die Fast-Großstadt ist so durchschnittlich englisch, dass sie für landesweite Wahl-Prognosen taugt.

Basildon / Heiligenhaus..  Sorry, aber ein Kathedrale wie Meaux hat Heiligenhaus’ größere englische Partnerstadt nicht zu bieten. Der freistehende Glockenturm von St. Martin’s – eine filigrane, aber nicht allzu hohe Stahlkonstruktion – wurde zwar immerhin 1999 von Ihrer Majestät Elizabeth II. eingeweiht. Aber das überragende Gebäude von Basildon ist ein auf V-förmige Pylone gestelltes Wohnhochhaus in einem Baustil, der in englischer Sprache, ganz ohne Ironie, „Brutalism“ heißt.

Gemeint sei damit „béton brut“, also das Baumaterial unverputzter Beton. Aber eine gewisse Brutalität lässt sich den Architekten des „Brutalismus“ wohl auch nicht absprechen . . . Geboren ist das alles – auch die Partnerstadt selbst – aus der Not der Nachkriegsjahre. Denn Basildon ist eine „Neue Stadt“, 1948 ins Leben gerufen durch den „New Towns Act“. Das britische Parlament gründete damit in ganz England 18 neue Städte, zum größeren Teil rund um die Hauptstadt, um die Wohnungsnot nach den Zerstörungen des „Blitz“ zu beheben.

Basildon war bis dahin nur ein Dörfchen an der Nordküste der Themse-Mündung, rund 50 Kilometer entfernt von Big Ben und Tower. Heute pendelt die Mehrzahl seiner Bürger aus der Fast-Großstadt mit 99 000 Einwohnern im c2c-(sea to sea)-Zug zu ihren Arbeitsplätzen in der Millionen-Metropole.

Basildon ist eine Stadt der „Aufstiegs-orientierten Arbeiterklasse“, wie es im klassenbewussten England heißt. Das macht die Partnerstadt für Meinungsforscher besonders wertvoll. Denn die „Neue Stadt“, deren erste Häuser erst im Juni 1951 bezogen wurden, ist im statistischen Sinne so durchschnittlich – dass die Wahlergebnisse von Basildon fast exakt den inselweiten Wahlergebnissen entsprechen. Jedenfalls seit 1983, wie der „Independent“ und andere große englische Qualitätszeitungen berichteten.

Demnach spiegelte sich in Basildon, der Zuwanderer- und Auspendler-Stadt, während der 1980er der Umschwung der Arbeiter (und kleineren Angestellten) zu den Konservativen der Ära Thatcher. „Basildon Man“ ist für englische Journalisten ein Synonym für aufstiegsorientierte Menschen, durchaus aus verschiedenen Kulturkreisen. Dass diese Männer und Frauen, wenn ihre Karrieren durchstarten, schließlich Basildon verlassen, gehört oft zum Bild dazu.

Denn die Bauten und Wohnblocks der „Neuen Stadt“ sind in die Jahre gekommen. 1988, zum 40-jährigen Bestehen der „New Town“, hatte das Towngate Theater noch eigens ein Schauspiel in Auftrag gegeben, um mit hundert Laiendarstellern die Integrationskraft der Stadt zu feiern. Der hoch angesehene Dramatiker Arnold Wesker lieferte allerdings mit „Boerthals Hügel“ (daraus leitet sich der Ortsname Basildon ab) nicht ganz das erwartete: Denn er stichelte auch gegen den unterschwelligen Rassismus der damaligen kommunalpolitischen Elite.

Am 7. Mai sind wieder Wahlen auf der Insel – und zwar gleichzeitig für das Rathaus in Basildon und fürs Parlament in Westminster. Man darf also gespannt sein, ob die Entscheidung des „Basildon Man“ wieder genau der Stimmung im Königreich entspricht.