Heiligenhauserin erinnert sich an ihre Kindheit im Krieg

Auch zwei Jahre nach Kriegsende konnte Margarete Menzel von einem normalen Leben nur träumen.
Auch zwei Jahre nach Kriegsende konnte Margarete Menzel von einem normalen Leben nur träumen.
Foto: WAZ FotoPool
Was wir bereits wissen
Margarete Menzel spricht über den Angriff eines Tieffliegers und viele bange Nächte im Luftschutzkeller: „Unsere ganze Nachbarschaft saß dort.“

Heiligenhaus..  „Das Propellergeräusch hat unsere Fensterscheiben vibrieren lassen“, erinnert sich Margarete Menzel an die Kampfgeschwader über Heiligenhaus. Die heutige Rentnerin wuchs in den schwierigen Zeiten des Zweiten Weltkrieges auf. Begleitet vom durchdringenden Dröhnen des Fliegeralarms musste sie sich fast jeden Tag in den Luftschutzkeller retten – immer mit dabei waren ihre Mutter und die beiden Geschwister. Viele von Menzels Erinnerungen an die Kindheit im Krieg sind heute noch so lebendig in ihrem Kopf, wie sie es damals im Alltag waren.

Jeden Morgen um dieselbe Uhrzeit strömen scharenweise Kinder zur Grundschule Schulstraße. An diesem Bild hat sich in den letzten Jahrzehnten nicht allzu viel geändert – außer der Kulisse. Während die Kinder jetzt hübsche Fassaden passieren und über glatt asphaltierte Straßen laufen, sieht Margarete Menzel im Herbst 1942 zerbombte Häuser und mit Schutt bedeckte Straßen.

„Teilweise konnten wir in der Schule keinen Unterricht machen, sondern mussten in den Ratskeller ausweichen“, beschreibt sie den unbeständigen Schulalltag. Beim Aufheulen der Sirenen ging es gemeinsam mit der ganze Klasse im Gänsemarsch zum nächstgelegenen Luftschutzkeller in der Unterstadt.

Auch zu Hause am Nordring, dem damaligen Von-Papen-Ring, war die Angst vor Luftangriffen ihr ständiger Begleiter. „Die Taschen waren immer gepackt“ – weil die Familie bei einem Angriff schnell aus dem Haus musste. Nachts muss das junge Mädchen durchs dunkle Treppenhaus eilen. Licht im Flur anzumachen ist verboten, es könnte die Aufmerksamkeit der Flieger erregen. Im Bunker angekommen, schließen sich die dicken Stahltüren hinter den verängstigten Kindern und die schummerige Beleuchtung offenbart, dass sie in dieser Nacht nicht allein Schutz suchen: „Der enge Raum war ringsum mit Stühlen gefüllt. Unsere ganze Nachbarschaft saß dort, um den Alarm abzuwarten.“

Allerdings hatten es die Bomber nicht auf Heiligenhaus abgesehen, sondern auf die umliegenden Großstädte. Zum Glück traf nur wenig von der explosiven Last den Ort. Doch ein Bomben-Einschlag blieb Margarete Menzel lebhaft im Gedächtnis. Die heutige Jahnstraße wurde voll getroffen und im unteren Teil fast komplett zerstört. Noch viele hundert Meter vom Einschlag entfernt ließ die Druckwelle Glasscheiben bersten und überzog die Straßen mit einem Scherbenteppich. „Die bunten Fenster der Suitbertuskirche sind auch kaputt gegangen. Man sieht heute noch ein zugemauertes Fenster, dort wo mal die Scheibe saß“, weiß Menzel.

Die Nachbarstadt Essen wurde weitaus schlimmer unter Beschuss genommen. Um den Kampfgeschwadern den Weg zu weisen und Abwurfstellen zu markieren, ließen Pfadfinder-Einheiten sogenannte „Christbäume“ von Himmel regnen. Die Magnesium-Lichtkaskaden rieselten wie ein leuchtender weißer Schauer zu Boden und erhellten die dunkle Nacht über dem Gebiet.

Wenige Minuten danach fielen die ersten Bomben und verwandelten die Stadt in ein Flammenmeer. „Man konnte von uns zu Hause das rote Brennen über Essen sehen. Es sah aus wie ein Sonnenaufgang.“

Nicht nur die großen Bomber wurden am Ende des Krieges zu einer ständigen Gefahr, auch vor Tieffliegerangriffen mussten sich die Menschen in Acht nehmen. Margarete Menzel verbrachte viele Tage ihrer Kindheit nicht spielend draußen im Garten, sondern im schützenden Heim. Einer der seltenen Ausflüge ins Freie wurde ihr fast zum Verhängnis.

„Ein Tiefflieger kam auf mich zugeflogen . . . so tief, dass ich sein Gesicht genau erkennen konnte. Er trug eine Ledermütze und eine dicke Brille“, beschreibt sie den Moment, bevor sie sich mit einem Sprung in die Gosse rettete. Der Mann am Maschinengewehr schoss auf eine Nachbarin – die ebenfalls mit dem Schrecken davon kam.

Es sind Erlebnisse, die die Heiligenhauserin nie wieder vergessen wird. Der Krieg schuf eine Generation von Zeitzeugen, denen noch immer kalte Schauer über den Rücken laufen, wenn sie übrig gebliebene Bunker im Stadtgebiet sehen.