Heiligenhauser schwenken die weiße Fahne

ARCHIV - Ein amerikanischer Soldat blickt im Zweiten Weltkrieg auf die Brücke von Remagen (undatiertes Archivbild). Am 7. März 2015 jährt sich die Eroberung der Brücke von Remagen durch alliierte Truppen im Zweiten Weltkrieg zum 70. Mal. Seinerzeit ermöglichte die noch intakte Brücke der 9. US-Panzerdivision das Überqueren des Rheins. Foto: dpa +++(c) dpa - Bildfunk+++
ARCHIV - Ein amerikanischer Soldat blickt im Zweiten Weltkrieg auf die Brücke von Remagen (undatiertes Archivbild). Am 7. März 2015 jährt sich die Eroberung der Brücke von Remagen durch alliierte Truppen im Zweiten Weltkrieg zum 70. Mal. Seinerzeit ermöglichte die noch intakte Brücke der 9. US-Panzerdivision das Überqueren des Rheins. Foto: dpa +++(c) dpa - Bildfunk+++
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Was wir bereits wissen
Am 17. April 1945 wurde die Stadt von Amerikaner eingenommen. Ohne die Remagener Brücke wäre wohl Heiligenhaus in den Fokus des Ruhrkessels gerückt.

Heiligenhaus..  Die Frühmesse ist gerade zu Ende. Unter stetigem Glockengeläut verlässt Pfarrer Bartsch am 17. April 1945 die St. Suitbertus Kirche. Draußen bleibt er plötzlich stehen. Heiligenhaus scheint wie ausgestorben zu sein. Die Bewohner halten sich in ihren Kellern versteckt, während Bartsch plötzlich von amerikanischen Soldaten umringt auf der Hauptstraße steht. Nach einem kurzen Blickwechsel lassen sie ihn unbehelligt ins Pfarrhaus gehen und rücken weiter bis zum Rathaus vor.

Der NSDAP Bürgermeister Wernicke hatte sich, gemeinsam mit anderen NS-Funktionären, am Vortag davon gemacht. Eine Delegation Heiligenhauser Bürger sorgt für die friedliche Übergabe der Stadt an die Kampfgruppe „Downey“ der 13. US Panzerdivision. Wenig später funkt Captain Downey zum Kommandoposten in Velbert, „dass sich ein deutscher Oberst mit seinem Regiment ergeben will“. Ohne große Schusswechsel wurde Heiligenhaus an diesem Morgen von den Amerikanern eingenommen.

Doch es hätte auch ganz anders kommen können. Wie in Wesel. Auf Luftaufnahmen aus März 1945 reiht sich ein Bombenkrater an den anderen. Nur noch wenige Häuser sind intakt, die anderen ragen wie Zahnstümpfe aus dem Schutt hervor. Die meisten sind allerdings bis auf die Grundmauern zerstört. Der Raum Wesel war einer von zwei Punkten, an denen die Alliierten in einer groß angelegten Aktion mit tausenden von Soldaten den Rhein überquerten. Weiter südlich marschierten die Amerikaner über die Remagener Ludendorff-Brücke, die ihnen durch einen Zufall am 7. März unzerstört in die Hände fiel.

Nach der erfolgreichen Landung in der Normandie am 6. Juni 1944 hatten amerikanische und britische Truppen die Soldaten der Wehrmacht immer weiter zurück getrieben. Eine Frontlinie nach der anderen war gefallen, bis die Alliierten Anfang März 1945 schließlich auf breiter Front vor dem Rhein standen. Ihr nächstes Ziel auf dem Weg nach Berlin war die Einnahme des Ruhrgebiets und damit die Ausschaltung der Waffenschmiede des Dritten Reichs. Die wohl größte Hürde auf dem Weg ins Ruhrgebiet ist von der Quelle bis zur Mündung 1238,8 Kilometer lang und mit hunderten von Brücken gespickt. „Das 12. SS Armee Korps der Wehrmacht zog sich in der Nacht zum 4. März über eine Brücke bei Duisburg auf die östliche Rheinseite zurück und errichtete beiderseits von Düsseldorf eine neue Verteidigungsfront“, weiß Jürgen Stecher, „Düsseldorf wurde zum ‘festen Platz’ erklärt und sollte verteidigt werden.“ Denn es wurde vermutet, dass die Amerikaner nördlich oder südlich der Großstadt den Rhein überqueren würden, um das Ruhrgebiet von Süden her einzukesseln. Diese Stelle schien für Panzer ideal zu sein.

Heiligenhaus an zweiter Frontlinie

Am 3. März wurde die Rheinbrücke bei Neuss gesprengt. Einen Tag später die in Ober- und Niederkassel. Gerade rechtzeitig, denn die Amerikaner standen schon davor. „Hätten die Amerikaner zu dieser Zeit nicht die Brücke von Remagen eingenommen und ihre Pläne kurzfristig geändert, läge Heiligenhaus direkt in der Kampfzone“, so Stechers These. Kartenmaterial eines deutschen Generals aus seinem Fundus lässt erahnen wie nah die Alliierten Heiligenhaus wirklich gekommen wären.

Handschriftlich eingezeichnete Verteidigungslinien verlaufen fast vor den Toren der Stadt. „Heiligenhaus lag an der rückwärtigen zweiten Frontlinie. Die erste verlief nah am Rhein und wäre nicht zu halten gewesen“, erklärt Stecher. Mit Blick auf die Taktik der gegnerischen Truppen war das eine fatale Lage.

Amerikaner und Briten wollten kein Risiko eingehen. Also setzte kein Soldat auch nur einen Stiefel über den Rhein, bevor dort nicht aus der Luft der Widerstand gebrochen wurde. „Zuerst wurden ganze Bombenteppiche abgeworfen, danach gab es über mehrere Tage Artillerie feuer“, beschreibt Stecher das Vorgehen. An den Luftbildern von Wesel lässt sich nicht nur diese verheerende Taktik gut erkennen, sondern auch erahnen, was mit Heiligenhaus im Fall einer Rheinüberquerung bei Düsseldorf passiert wäre.

Panzersperren an Kreuzungen

Westlich von Heiligenhaus, entlang der heutigen Autobahn A 3, wurden für diesen Fall Stellungen aufgebaut. Große Straßenkreuzungen wurden mit Panzersperren gesichert und die in der Gegend reichlich vorhandene Flak als Panzerabwehr postiert. Gegen das Geschoss einer 8,8-cm-FlaK 41 hatte auch die stählerne Haut eines Panzers keine Chance. Die wenigen Wehrmacht- Panzer wurden bei Mettmann und in Hubbelrath in Bereitschaftspositionen gebracht, um schnell eingreifen zu können.

Der sogenannte Kettwiger Sperrriegel sollte von der Ruhr bis zum Rhein bei Kaiserswerth das Vordringen der Amerikaner von Duisburg aus verhindern. Die Ruhrhöhen nördlich von Heiligenhaus wurden zwischen Kettwig und Werden befestigt. Nördlich der Stadt, am Hessenbleek, stand auch eine Flak. Außerdem rekrutierte die Wehrmacht aus den umliegenden Fabriken freigewordene Arbeiter als Frontsoldaten des „Volkssturm“ und schickte sie in die Abwehrstellungen. „Um den Kampfwillen war es schlecht bestellt“, weiß Stecher zu berichten. „Nach dem Scheitern der Ardennenoffensive und der Katastrophe an der Ostfront herrschte Mutlosigkeit.“ Die Alliierten waren in der Übermacht und überrollten eine Stadt nach der anderen. Alle wussten: „Es war nur noch ein Hinhalten.“

Als die Alliierten schließlich über die Ludendorff-Brücke in Remagen marschierten, zerplatzte der Verteidigungsplan der Wehrmacht. Die Geschütze und Truppen vom Rhein und von Düsseldorf abzuziehen und an der neuen Front entlang der Sieg neu zu formieren kostete die Deutschen viel Zeit.

Kostbare Zeit, die die Amerikaner nutzten, um sich in einer Zangenbewegung von Norden aus dem Raum Wesel und von Süden her von Remagen bis nach Lippstadt vorzukämpfen. Bis sie schließlich am 1. April 1945 die Schlinge ums Ruhrgebiet festzogen.

Gegenwehr in Langenberg

Die Soldaten der Wehrmacht wurden immer weiter zurückgedrängt, bis schließlich rund 350 000 von ihnen im Ruhrkessel festsaßen. Von Süden und Osten her machten die Amerikaner weiter Druck, von Norden her an der Ruhr entlang, an Kettwig vorbei, riegelten weitere alliierte Truppen die Grenzen des Ruhrkessels ab. Es gab keine Ausweichmöglichkeiten mehr.

Nach dennoch schweren Kämpfen brach die Gegenwehr nach und nach zusammen. Einen Tag, nachdem der östliche Ruhrkessel kapituliert hatte, stellten die deutschen Truppen im westlichen Ruhrkessel auf Befehl des Oberbefehlshabers der Heeresgruppe „B“, Generalfeldmarschall Walter Model, nach „Verschuss der letzten Munition“ die Kampfhandlungen am 17. April ein und ließen sich von den gegnerischen Truppen überrollen.

Tags zuvor stieß in Langenberg das Kampfkommando „R“ der 13. US Panzerdivision zusammen mit dem 13. US Infanterieregiment noch auf heftigen Widerstand. „Langenberg hat sich wahrscheinlich so gut gehalten, wegen der Topographie“, vermutet Stecher. „Die Alliierten mussten trichterförmig durch die Elfringhauser Schweiz. Von oben ließ sich das gut halten.“ Auf ihrem Weg machte die 13. US Panzerdivision „Black Cat“, für die der Ruhrkessel der erste große Kampfeinsatz war, 20 000 Gefangene in nur neun Tagen. Einige davon auch in Heiligenhaus.

Zu den amerikanischen Besatzungstruppen in Heiligenhaus zählten auch einige farbige Soldaten. Während sich die Spielkameraden von Jürgen Stechers Schwiegermutter, Emilie Bader, vor den exotisch aussehenden Soldaten versteckten, ging das blond gelockte Mädchen neugierig auf sie zu. Ihren Mut belohnte der Soldat mit Kaugummi und Schokolade. Es war das Ende von sechs Kriegsjahren in dieser Region und ein kleiner Schritt auf dem Weg zur Normalität.