Heiligenhauser Schüler locken Ältere aus dem Schneckenhaus

Die Besucher der Tagespflege freuen sich über jeden Dienstag, an dem die Schülerinnen mit ihnen basteln, singen oder spielen.
Die Besucher der Tagespflege freuen sich über jeden Dienstag, an dem die Schülerinnen mit ihnen basteln, singen oder spielen.
Foto: WAZ FotoPool
Was wir bereits wissen
Fünf Gesamtschülerinnen sorgen für Lebensfreude bei den Besuchern der Tagespflege. Beide Generationen können viel voneinander lernen.

Heiligenhaus..  Klackernd rumpelt der große Würfel über den Tisch. Zwei Felder darf die überdimensionale Spielfigur nach vorne rücken und landet schließlich auf einem Ereignisfeld. Sechstklässlerin Claudia muss ein Lebensmittel erklären, jedoch ohne ein einziges Wort zu sprechen. Pantomimisch schneidet sie also ein dickes Stück vom imaginären Schnitzel ab und hofft, dass ihre Mitspieler auf die Lösung kommen. Tatsächlich wissen die Besucher der Tagespflege sehr schnell, was sich die Zwölfjährige schmecken lässt. In einem Pilotprojekt der Gesamtschule locken Schülerinnen die dementiell erkrankten Damen und Herren aus ihrem Schneckenhaus.

Singen, Basteln, Lachen – einfach gesagt, das Leben genießen. Für die Besucher der Tagespflege sind die Nachmittage mit den Gesamtschülerinnen etwas ganz besonderes. „Man merkt wie sie sich verändern wenn die Mädchen da sind. Kinder können dementiell Veränderte rauslocken und sie zum Lachen bringen“, erklärt Pflegedienstleiterin Yvonne Stepien vom Diakoniezentrum an der Schulstraße.

Sich einfach zu den älteren Herrschaften an den Tisch setzen und loslegen konnten die Schülerinnen zu Beginn des Pilotprojektes im vergangenen Herbst allerdings nicht. Der Umgang mit dementiell veränderten Menschen verlangt nämlich viel Fingerspitzengefühl und gewisse Regeln. „Die Gruppe ist sehr sensibel und die Schülerinnen noch recht jung. Selbst ein kurzer Blick auf das Handy oder eine Unterhaltung mit der Freundin kann die Gruppe schon sprengen“, weiß Yvonne Stepien. Die Mädchen hat sie vorab über Demenz informiert. Es ist alles eine Frage der Verantwortung. Denn in dem Moment, in dem die Schülerinnen das Diakoniezentrum betreten, übernehmen sie die Verantwortung für ihren ganz persönlichen Schützling. „Der Sinn des Projektes ist, die Sozialkompetenz zu stärken und anderen etwas zu geben, ohne eine Gegenleistung zu verlangen“, erklärt Klassenlehrerin Sarah Göhring.

Zwischen Volksliedern und Brettspielen haben sich in den letzten Monaten zwei Generationen angenähert. Der gemeinsame Nachmittag ist ein ständiger Lernprozess auf beiden Seiten. „Man bekommt Tipps fürs Leben“, freut sich Scheima (12). „Die älteren Leute erzählen viele Geschichten von früher. Das ist interessant“, schließt sich ihr Mitschülerin Siba (11) an.

Schüler werden erwachsen

Entsprungen ist das ehrenamtliche Engagement der 6b dem Projekt „Erwachsen werden“, das alle unteren Klassen der Gesamtschule erwartet. „Die Schüler haben eigenständig die Idee entwickelt und sich auch um den Kontakt zum Diakoniezentrum gekümmert. Außerdem besuchen sie die Älteren in ihrer Freizeit nach der Schule“, freut sich Sarah Göhring über das Engagement der fünf Mädels.

Ziel ist es, das Sozialprojekt im Rahmen des schulischen Großprojektes „Jugend engagiert sich – wir übernehmen Verantwortung“ noch bis zu den Sommerferien weiter zu führen. In naher Zukunft ziehen auch andere Arbeitsbereiche nach. Unter anderem sind Projekte zum Thema Migration und Flüchtlingshilfe geplant. Die Heiligenhauser Gesamtschule bleibt also auch 2015 emsig.