Heiligenhauser erinnert sich an tiefe Bunker

Hermann Hüttmann (hier vor dem Mahnmal) erinnert sich noch gut an seine Kindheit im Krieg.
Hermann Hüttmann (hier vor dem Mahnmal) erinnert sich noch gut an seine Kindheit im Krieg.
Foto: FUNKE Foto Services
Was wir bereits wissen
Hermann Hüttmann war noch klein, als quer durch die Stadt Schutzorte errichtet wurden. Als Kind spielte er auf der Flak und fand auch eine Granate.

Heiligenhaus..  „Ich habe nur einen kurzen Blick in den Schacht geworfen und bin sofort wieder zurückgeschreckt. Für einen kleinen Jungen war das ganz schön tief“, erinnert sich Hermann Hüttmann. Während der hölzerne Förderturm ratternd eine Fuhre Erdreich nach der anderen ans Tageslicht holte, schlich sich der damals Sechsjährige mit Trippelschritten an den Bunkerschacht heran. Gegen Ende des Zweiten Weltkrieges entstand unter den Augen Hüttmanns der teuerste und mit zwanzig Metern auch der tiefste Bunker der Stadt. In der WAZ lässt Hermann Hüttmann diese und andere Kindheitserinnerungen aus Kriegstagen noch einmal Revue passieren.

Nicht nur am Südring gruben sich die Arbeiter mit vereinten Kräften immer tiefer, auch an der Lindenstraße surrte der Kompressor den ganzen Tag. Das Erdreich unter dem „verschlafenen Städtchen“ wurde im Zweiten Weltkrieg regelrecht durchlöchert wie ein Schweizer Käse. Auch Hermann Hüttmann hatte es mit seiner Familie zum Bunker an der Friedhofstraße nicht weit. Jeder Handgriff musste sitzen, um nur wenige Minuten nach der ersten Sirene mit Sack und Pack im Bunker zu stehen. Allerdings gab es auch die ein oder andere ungewöhnliche Methode, Fliegerangriffen zu entgehen. Bei Hüttmanns Großvater am Gellenkothen diente ein stabiles Eisenrohr mit Gittertor als Unterschlupf.

„Jeder, der den Krieg nicht selbst miterlebt hat, kann es auch nicht nachvollziehen“, weiß Hüttmann. Doch als Sechsjähriger erlebte der Motorradfreund vieles mit anderen Augen und einer Prise kindlicher Neugier. „Die Kaffeemühle oben in Isenbügel haben wir Kinder immer bestaunt“, erinnert sich Hüttmann. Gemeint ist die t-förmige Radaranlage des Jagdschlosses. Die Panoramaanlage an der Langenbügeler Straße suchte den mit bleigefüllten Himmel nach Bomberverbänden ab und ermöglichte eine Rundumsicht bis nach Holland (die WAZ berichtete). „Außerdem stand am Herbergerweg eine Flak. Für uns Kinder war das nach dem Krieg ein Spielzeug. Einer hat sich drauf gesetzt und die anderen mussten drehen.“

Gefährlich war das improvisierte Karussell nach dem Einzug der Engländer nicht mehr, denn seine Munition hatte es längst verschossen. Dafür lauerten beim Spielen im Heiligenhaus der Nachkriegszeit ganz andere Gefahren. „Ich habe mal eine Stielhandgranate gefunden und sie mit nach Hause gebracht. Damit meine Mutter sie nicht findet, habe ich das Ding hinter dem Radio versteckt“, erzählt Hüttmann. Wochenlang lag die knapp 40 Zentimeter lange Explosionswaffe im Wohnzimmer der Hüttmanns, bis ein Soldat sie zufällig entdeckte und das lebensgefährliche Spielzeug entsorgte.

Plötzlich kehrte Ruhe ein

Mit den amerikanischen beziehungsweise englischen Besatzungsmächten hielt nicht nur ein Stück Normalität Einzug in Heiligenhaus, es änderte sich auch Hermann Hüttmanns Einstellung gegenüber den einstigen Feinden. „Für mich waren die Engländer übergroß. Wir mussten keine Angst mehr haben und es kehrte plötzlich Ruhe ein“, beschreibt Hüttmann die Eindrucke, „außerdem veranstalteten sie in der Talburgstraße eine Weihnachtsfeier für die Kinder, deren Väter gefallen sind.“ Sein eigener Vater starb 1943 an der Front.

Im selben Jahr floh Hüttmann mit der Kinderlandverschickung nach Österreich. „Am 17. Mai waren wir gerade mit dem Zug unterwegs, als die Möhnetalsperre bombardiert wurde. Die Schienen standen komplett unter Wasser.“ Während seine Mutter auf dem Bauernhof, wo sie untergebracht waren, arbeitete, marschierte er stolz mit einem handgeschnitztem Holzgewehr über das Gelände. In Deutschland war zu diesem Zeitpunkt das echte Artilleriefeuer noch längst nicht verstummt.