Hauptstadt des nussigen Genusses

„Alles Käse“ wäre für sie das Kompliment schlechthin: die Brie-Bruderschaft repräsentiert Meaux.Foto:Sonja Glaser-Stryak
„Alles Käse“ wäre für sie das Kompliment schlechthin: die Brie-Bruderschaft repräsentiert Meaux.Foto:Sonja Glaser-Stryak
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Was wir bereits wissen
Berühmt ist Meaux für seinen Brie, den „Prinz der Nachspeisen“. Die Stadt an der Marne trägt die Narben der Geschichte mit französischem Flair.

Meaux / Heiligenhaus..  Strahlend weiß erhebt sich St. Etienne über die engen Straßenzüge von Meaux. Mit seinem 60 Meter hohen Nordturm dominiert der gotische Prachtbau das Bild der Stadt. Zu Füßen der über 800 Jahre alten Kathedrale erstreckt sich – entlang der Marneschleife – die Heiligenhauser Partnerstadt. Eine französische Gemeinde, die den Spagat zwischen mittelalterlichem Charme, würzigem Weichkäse und Plattenbausiedlungen im Stil der 1960er Jahre meistert.

Blättern urlaubswütige Heiligenhauser die Broschüren der französischen Partnerstadt durch, scheint es fast, als hielten sie ein Geschichtsbuch in Händen. Die Wurzeln von Meaux reichen nicht nur tief, sondern sind heute noch an jeder Ecke der Stadt zu finden. Meaux’ Geschichte ist so bewegt wie die Uferbrandung der Marne. Nicht nur einmal tobten erbitterte Schlachten in der Region. Einen Abbruch taten die Narben der Schönheit der Stadt nicht – sie behielt das gewisse Etwas.

Immer konnten die schweren Mauern die französische Gemeinde nicht schützen. Besonders gebeutelt wurde Meaux im Ersten Weltkrieg. Eines der entscheidenden Ereignisse des „Grande Guerre“ nahm direkt vor den Toren der Stadt seinen Lauf. Das Scheitern der deutschen Offensive an der Marne und die vereitelte Eroberung von Paris markierten den Wendepunkt vom Angriffskrieg zum jahrelangen Verharren in den Schützengräben. Für Meaux bedeutete das Ende des Stellungskrieges 1918, wieder leise aufatmen zu können.

Nach großen Umwälzungen erlebte die Stadt Mitte des 20. Jahrhundert einen Aufschwung. Ein neues Architekturprojekt sollte damals für mehr Wohnraum sorgen, heute sind die Viertel La Pierre Collinet und Beauval der Hinterhof von Meaux. Mit Fördergeldern in Millionenhöhe sollen die Plattenbauten mit Problemcharakter verwandelt werden. Die Wohnsilos sollen kleinen Einheiten weichen.

Die Heiligenhauser Partnerstadt vor den Toren Paris’ eilt mit großen Schritten in Richtung Moderne – ohne dabei die Traditionen der Vergangenheit aus den Augen zu verlieren. Einer dieser geschichtsträchtigen Markenzeichen zergeht Verkostern auf der Zunge. Der Brie de Meaux gilt als „König der Käse“. Auch in Heiligenhaus ist der „Prinz der Nachspeisen“ mittlerweile angekommen. Allein reist solch eine Delikatesse natürlich nicht. Die Confrérie des Compagnons du Brie des Meaux, die Käsebrüder, brachten ihn ins Niederbergische. Mit cremefarbenen Roben und brieförmigen Hüten machen sie Werbung für den Importschlager und pflegen liebevoll ihre Tradition.

Genauso traditionsträchtig wie der nussige Weichkäse ist die historische Theatervorstellung rund um Saint Etienne und den imposanten Bischofspalast. 500 Statisten und Schauspieler werden jedes Jahr vor der beeindruckenden Stadtkulisse in Szene gesetzt. Von Juni bis September durchleben sie gemeinsam mit den zahlreichen Zuschauern die Geschichte einer einzigartigen französischen Stadt.