Gegen das Vergessen
15.11.2009 | 17:56 Uhr 2009-11-15T17:56:00+0100
Heiligenhaus. Der Himmel ist wolkenverhangen und grau. Regentropfen prasseln auf die Erde und platschen in die vielen Pfützen vor der Gesamtschule. Ein Meer aus Regenschirmen bewegt sich langsam auf die Mensa zu: zur Feierstunde am Volkstrauertag.
„Wir haben heute in einem Gefühl der Stille zueinander gefunden”, begrüßt Bürgermeister Jan Heinisch die zahlreich erschienenen Gäste der Feierstunde. Er begrenzt seine Rede auf ein Minimum und überlässt jemandem das Mikrofon, der den Krieg am eigenen Leib miterlebt hat.
„1943 waren wir 17 Leute in der Abiturklasse”, erinnert sich der pensionierte Pastor Hans-Joachim Weber an seine Jugend. „Und noch im selben Jahr wurden wir alle Soldaten. Dabei waren wir doch vollgestopft mit Zukunftsplänen.” Nur zwei von seinen Mitschülern habe er am Ende des Krieges wiedergesehen. „Damals waren die Zeitungen übersät mit Todesanzeigen – und mit jeder Anzeige stürzte ein Lebensgebäude ein”, so Pastor Weber.
»Unsere Toten sind nicht abwesend, sie sind nur unsichtbar«
Seine Ansprache basiert auf eigenen Erfahrungen und damit spricht er wohl den meisten Anwesenden aus der Seele. „Ich war selbst lange in Gefangenschaft und sehe es als meine Verpflichtung an hier hinzugehen”, sagt Waltraut Hintsch mit Tränen in den Augen auf dem Weg zum Mahnmal. Dort lehnt bereits der große, ganz in Rot und Grün gehaltene Kranz des Heiligenhauser Stadtrates. Es ist ein trauriger Weg, den Waltraut Hintsch seit mehr als 20 Jahren immer im November geht. Persönlich berührt zeigt sich auch Schützenkönig Helmut Plaumann: „Ich war 30 Jahre lang Soldat, da packt mich die Sache immer.”
Die Totenehrung übernehmen zwei Realschülerinnen, die zusammen mit Mitgliedern der Jugendfeuerwehr bei dieser Feierstunde die junge Generation vertreten. „Unsere Lehrerin hat uns gefragt, ob wir die Rede halten wollen und wir haben ‚Ja' gesagt. Das ist ein wichtiges Ereignis. Obwohl wir es nicht erlebt haben, fühlen wir mit”, sind sich Pia Witt und Britta Worbs (beide 15) einig. „Auch die jüngere Generation sollte das Gedenken aufrechterhalten”, findet Pias Mutter, Michaela Witt.
„Unsere Toten sind nicht abwesend, sondern nur unsichtbar”, stellt Hans-Joachim Weber zum Abschluss der Feierstunde fest, „sie schauen mit ihren Augen voller Licht in unsere Augen voller Trauer.”
Zum Volkstrauertag im Jahr 1965 wurde das Mahnmal an der Hülsbecker Straße eingeweiht. Jahrelang war zuvor über Aufstellung und Finanzierung diskutiert worden.
Bereits 1955 hatte der Rat 30 000 DM als Bausumme genehmigt; 1962 drängte der Ortsverband der Heimkehrer zum wiederholten Male auf die Einrichtung eines Ehrenmals. Unterstützt vom VdK sprach man sich erneut für den Standort an der Hülsbecker Straße aus. Die Stadt favorisierte zwar einen Platz nahe der geplanten Stadthalle, nahm aber schließlich doch konkrete Planungen auf. Es sollte allerdings noch anderthalb Jahre dauern, bis sich Vertreter aller drei Ratsfraktionen einstimmig für den ersten Entwurf (von zweien) des Bildhauers Wilhelm Hanebal aus Büderich aussprachen. Die Kostenschätzungen lagen inzwischen (1964) schon bei 55 000 bis 60 000 DM.
Aufgestellt wurde die Figur schließlich zwei Monate vor dem Volkstrauertag 1965. Ende der 1980er Jahre wurde sie nach einem Bürgerantrag der Heiligenhauser Friedensgruppe von „Ehrenmal” in „Mahnmal” umbenannt.
Die Feierstunde der Stadt und der Ortsverbände des Volksbundes Deutsche Kriegsgräberfürsorge und des Heimkehrerverbandes wird musikalisch vom Posaunenchor des CVJM und dem Frauenchor Musica 1976 begleitet.
Der Kranz am Mahnmal ist übrigens ein Kranz der Heiligenhauser Ratsfraktionen – bis auf eine: Die WAHL beteiligt sich nicht. „75 Euro, um auf der Schleife zu stehen, sind in unserem Budget nicht drin”, erklärt der Fraktionsvorsitzende Stefan Okon. 650 Euro pro Jahr (für 2009 anteilig) bekomme die Fraktion von der Stadt für Sachkosten – diese Summe sei durch notwendige Fortbildungen jetzt schon „deutlich überschritten”.
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