Friedensabenteurer spricht vor Heiligenhauser Gesamtschülern

Reuven Moskovitz
Reuven Moskovitz
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Was wir bereits wissen
Der 86-jährige Israeli Reuven Moskovitz sprach vor Gesamtschülern als „Friedensabenteurer“, aber ausdrücklich nicht als Zeitzeuge der Shoah.

Heiligenhaus..  In diesem Sinne war der 86-jährige Gast ein freier Geist: „Da Kriege im Geist der Menschen entstehen, muss auch der Frieden im Geist der Menschen verankert werden.“ So zitierte Gesamtschulleiterin Gabriele Arnsmann in ihrer kurzen Begrüßung für Reuven Moskovitz aus den Grundsätzen der Unesco.

Der einem jüdischen Schtetl Rumäniens aufgewachsene Israeli hatte am Willkommen vor den im Forum der Gesamtschule versammelten Zehntklässlern nur die Anrede zu korrigieren: „Ich bin kein Herr.“ Er habe ja lange im Kibbuz gelebt, das Friedensdorf Newe Shalom mit aufgebaut und dort gelte: „Im Kibbuz gibt es keine Herren, dort gibt es Freunde.“

Gabriele Arnsmann begrüßte den Aktivisten für eine israelisch-palästinensische Versöhnung, der im Vorjahr bereits vor einem älteren Publikum im Club zu Gast war, als „Friedensabenteurer“ (nach dem Untertitel seines Buches „Der lange Weg zum Frieden“). Und genau so gestaltete Reuven Moskovitz auch seinen Vortrag in freier Rede: voller Anekdoten und Abschweifungen – aber fern jeder Chronologie. Das Ghetto von Mogilew nannte er erst auf die bereits genervt klingende Nachfrage eines Schülers: „In welchem Lager waren Sie denn?“

Nein, hier sprach kein Zeitzeuge wie andere. Der 86-Jährige sagte es selbst: „Andere Zeitzeugen erzählen sehr ausführlich von dem, was sie erlitten haben – ich nicht.“ Bei Kriegsende war der junge Reuven Moskovitz 16. So alt wie gestern seine ersten Zuhörer und alt genug, um sich der Kriegsjahre zu erinnern. Doch der 19-jährig nach Palästina Eingewanderte meinte: „Ich spreche lieber in Zusammenhängen“ – man sollte wohl eher sagen: in sprunghaften Assoziationen.

Ein junges Publikum konnte dieser mit leisem Witz gewürzten Melange aus teils philosophischen Gedanken, teils entflammter politischer Rede, aus biblischen Verweisen und den Versen großer Lyrikerinnen deutscher Sprache sicher nicht in allen Windungen folgen. Manche im Forum versuchten es, andere waren rasch abgelenkt.

Zur Heimat erkor ich mir die Liebe

Soviel wurde klar: Reuven Moskovitz ist ein gläubiger Utopist, einer der sich wünscht, dass die heutigen Jugendlichen an dieser besseren Welt arbeiten: „Ihr könnt etwas machen“, rief er seinen Zuhörern mit rauer Stimme zu. Er fragte sie nach der biblischen Geschichte vom Brudermord Kains an Abel – und erzählte sie auf seine etwas schräge Art neu. Er zitierte Hilde Domin, die große deutsch-jüdische Dichterin aus Heidelberg, mit den Worten: „Abel steh auf“ – denn: „Man muss der Hüter seines Bruders sein.“

„Die Vergangenheit ist nicht wichtig.“ Das sagte der in seiner Heimat auch kritisierte Israeli sogar über Auschwitz. Im Februar hatten Jugendliche der Gesamtschule die Gedenkstätte besucht. Reuven Moskovitz allerdings hatte das Bild jener junger Israeli vor Augen, „die sich in eine blau-weiße Fahne wickeln und rufen: Nie verzeihen!“

Verzeihen und Versöhnen aber sind die großen Herzensanliegen dieses einstigen Lehrers. Für seinen Vater sei das deutsche Volk, bevor es zum „Volk der Henker“ wurde, ein Modell gewesen für Fleiß und Bildung. „Könnte es nicht sein“, fragte der heute hochbetagte Sohn, „dass auch wir in Israel in Gefahr sind, so zu werden?“ Es war der große Irrtum der Pioniere (wie er selbst einer war) zu glauben, man mache als Kibbuzim aus einem „Volk ohne Land“ ein „Land ohne Volk“ fruchtbar. Reuven Moskovitz, der Belesene, zitierte zwar auch Mascha Kalekos poetische Gleichung „zur Heimat erkor ich mir die Liebe“. Doch er fordert: „Jeder Mensch soll ein Recht haben auf Heimat.“