Eins Eins Zwei

Jeder der Disponenten in der Kreisleitstelle der Feuerwehr in Mettmann behält vier Bildschirme im Blick.
Jeder der Disponenten in der Kreisleitstelle der Feuerwehr in Mettmann behält vier Bildschirme im Blick.
Foto: WAZ FotoPool
Was wir bereits wissen
Die Schaltzentrale für den Notfall: Zum Europäischen Tag des Notrufs schaut die WAZ den Helfernin der Kreisleitstelle der Feuerwehr über die Schultern.

Heiligenhaus/Mettmann..  Es raschelt, es knistert. Am anderen Ende der Leitung meldet sich keiner. Sicherheitshalber fragt Markus Leistner noch mal nach. Keine Reaktion. Leistner beendet das Gespräch. „Da hatte wohl jemand sein Handy in der Hosentasche und versehentlich den Notruf gewählt“, sagt Ralf Mader. Der Heiligenhauser leitet seit 2009 die Kreisleitstelle der Feuerwehr in Mettmann. Wer in Heiligenhaus die 112 wählt, landet telefonisch bei Maders Mannschaft in der Kreisstadt. An diesem Morgen sind es besonders viele Fehlrufe, die es in der Leitstelle klingeln lassen. Oft seien es Frauen, die mit ihren Mobiltelefonen in Hosen- oder Handtaschen versehentlich Notrufe absetzten, berichten Mader und seine diensthabenden Kollegen.

Ob Fehlruf oder nicht, der Anruf wird bei der Feuerwehr verzeichnet. Denn es könnte ja auch sein, dass ein in äußerste Not geratener Anrufer noch mit letzter Kraft die Feuerwehr erreichen wollte. Um auch bei Ermittlungen der Polizei alle Daten nachweisen zu können, wird jeder einzelne Anruf in der Kreisleitstelle protokolliert.

Ralf Mader erklärt, was bei Notrufen mit realen Gesprächspartnern in der Leitung wichtig ist: Die fünf „W“. Wo ist der Einsatzort? Wer ruft an? Was ist passiert? Wie viele Personen sind verletzt/betroffen? Warten auf Rückfragen! Der Anrufer sollte dann nicht sofort auflegen, denn der Helfer am anderen Ende der Leitung fragt in der Regel noch nach Details. „Das ist wichtig, damit wir die richtigen Rettungsmittel entsenden können“, so Mader. Denn ob ein Krankenwagen oder ein Rettungswagen mit oder ohne Notarzt losgeschickt wird, können nur die Feuerwehrleute in der Leitstelle nach der Faktenlage beurteilen. „Statistisch gesehen, setzt jeder einmal im Leben einen Notruf ab“, erklärt der Chef der Leitstelle. Entsprechend aufgeregt sind die Gesprächspartner am Telefon oft. „Trotz aller Aufregung sollte man versuchen, ruhig und sachlich zu bleiben.“ Wichtig sei es, konkret auf die Fragen der Helfer zu antworten und Hilfsmaßnahmen nach telefonischer Anleitung auch selbst in Angriff zu nehmen. „Wir sind schnell, aber bei einem Herz-Kreislaufstillstand zählt jede Sekunde“, verdeutlicht der 44-jährige Heiligenhauser.

Gefahr für Leib und Leben

Bei Unwetterlagen bittet Mader die Bevölkerung darum, die 112 nur zu wählen, wenn unmittelbare Gefahr für Leib und Leben bestehe. Als Pfingststurm Ela im vergangenen Jahr über das Kreisgebiet fegte, waren auch die 30 Anschlüsse der Kreisleitstelle völlig überlastet. Wer dann einen Notfall melden wollte, hing erst einmal in der Warteschleife. Sekunden und Minuten, die ohne Hilfe verstreichen. Das könnte einen Menschen im schlimmsten Fall das Leben kosten.

Ralf Mader fällt in Sachen Notruf selbst aus der Statistik. Der 44-Jährige hat schon mehrfach selbst die 112 gewählt. Persönlich betroffen war er glücklicherweise nie, aber Zeuge bei Bränden oder medizinische Notfällen. Dass sich Anrufer einen Scherz erlauben, wenn sie die Feuerwehr alarmieren, komme immer seltener vor. Seit die Mobilfunkanbieter eine Nutzung des Handys ohne Karte für Notrufe nicht mehr ermöglichen, sind diese Anrufe in der Mettmanner Zentrale rückläufig. Früher liefen in Pausenzeiten oder nach Schulschluss vermehrt Anrufe von Kindern und Jugendlichen bei den Helfern auf. „Da hörte man schon die Freunde im Hintergrund kichern“, erinnert sich Mader. Aber es gibt auch Kinder, die ganz ernste Absichten haben, wenn sie die Notrufnummer wählen. Für das geschulte Personal sei relativ schnell zu erkennen, ob es sich um einen echten Notfall handele. „Die meisten Kinder sind sehr aufgewühlt, wenn sie einen Notruf absetzen,“ sagt Mader. Wer heute die 112 wählt, kann seine Nummer nicht unterdrücken, den Helfern in der Leitstelle wird die Nummer des Anrufers angezeigt. In Planung ist außerdem, dass zukünftig die Daten des Anschlussnehmers angezeigt werden.

Heiße Drähte und kühle Köpfe

Mit Headset auf dem Kopf und Hand auf der Computer-Maus blickt Michael Lohmann konzentriert auf die vier Bildschirme vor ihm. Wieder blinkt ein rotes Feld auf. Aber nicht nur das optische Signal macht den Feuerwehrmann auf den Notruf aufmerksam, auch ein akustisches. Hoch her geht es in der Kreisleitstelle morgens zwischen 9 und 11 Uhr. Und das aus ganz naheliegenden Gründen. „Unfälle auf der Fahrt zur Arbeit, Herzrasen nach dem Aufstehen oder der Partner wird bewusstlos im Bett gefunden“, erklärt Ralf Mader, Leiter der Kreisleitstelle. Eine Spitzenzeit bei Notrufen verzeichnen die Disponenten in der Zentrale noch einmal von 15 bis 18 Uhr. Oft melden die Anrufer zu dieser Tageszeit Verkehrsunfälle und in den Sommermonaten Kreislaufprobleme.

Laufen die Drähte in der Zentrale heiß, müssen die Feuerwehrleute kühlen Kopf bewahren können. „Hier muss man die Geräusche in der Umgebung völlig ausschalten“, erklärt Schichtleiter Michael Lohmann. In seiner Funktion behält er zusätzlich die Gesamtlage im Blick und mahnt die Kollegen bei erhöhtem Anrufaufkommen zur Ruhe. Wie alle anderen hier ist Lohmann nicht nur ausgebildeter Feuerwehrmann, sondern auch Rettungsassistent. „Ein gutes Vorstellungsvermögen und Stressresistenz sind bei unserem Job sehr wichtig“, erklärt Ralf Mader. Besonders nahe gehen ihm und vielen Kollegen Todesfälle bei Kindern und Reanimationen, die sie am Telefon anleiten. Wer solche Notrufe „bearbeitet“, wird anschließend für eine kurze Pause aus dem laufenden Betrieb genommen. Für Kollegen in der Berliner Kreisleitstelle gibt es nach Reanimationen am Telefon sogar eine angeordnete Entspannungspause.

2500 Einsätze im vergangenen Jahr in Heiligenhaus

Wer in Heiligenhaus, Ratingen, Wülfrath, Hilden, Erkrath und Mettmann die 112 wählt, hat Schichtführer Michael Lohmann oder einen seiner Kollegen an der Strippe. Rund 144 000 mal wählten die Bürger aus diesen Städten den Notruf in 2014. Die Notrufe aus Velbert, Haan, Langenfeld und Monheim laufen bei den örtlichen Nachrichtenzentralen auf.

80 Prozent betreffen Rettungsdienst

Durchschnittlich gehen pro Tag 390 Notrufe bei der Kreisleitstelle der Feuerwehr in der Laubacher Straße in Mettmann ein. Weniger als die Hälfte davon zieht auch einen Einsatz nach sich. Im Schnitt ordnen die Mitarbeiter der Leitstelle 170 Einsätze am Tag an. 80 Prozent der Notfälle betreffen den Rettungsdienst. Im Heiligenhauser Stadtgebiet gab es im vergangenen Jahr rund 2500 Einsätze. 1900 mal wurde der örtliche Rettungsdienst angefordert. Allerdings rückte er dabei auch in die Nachbarstädte aus. 330 Einsätze gab es für die Feuerwehr, 450 für die Krankenwagen