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Eine Welt ohne ABC

07.02.2012 | 13:05 Uhr

Heiligenhaus.   Die Teilnehmer waren bislang zur Unselbstständigkeit verdammt. Die WAZ besucht einen Kurs für Analphabeten.

Siddika ist 40 Jahre alt, Mutter von fünf Kindern und Analphabetin. Die türkischstämmige Heiligenhauserin hat nie schreiben und lesen gelernt. 7,5 Millionen Deutsche teilen dieses Schicksal. Siddika holt nun mühevoll nach, was man ihr als Kind verwehrte.

Schnell einen Zeitungsartikel überfliegen, eine kurze SMS formulieren oder in einem Krimi schmökern – was für die meisten Erwachsenen zur Normalität gehört, ist für Siddika und ihre elf Mitschülerinnen im Alphabetisierungskurs der VHS nahezu unmöglich. Unbeholfene Bleistift-Buchstaben in den Schreibheften lassen eher an Erstklässler denken als an erwachsene Frauen, die mitten im Leben stehen. Sie haben Kinder auf die Welt gebracht, führen den Haushalt für eine Großfamilie und sind doch zur Unselbstständigkeit verdammt. Beim Einkauf orientieren sie sich im Supermarkt an Farben und Bildern, besuchen den Arzt nur in Begleitung und lassen sich Briefe vorlesen. Siddika hat das gestört. Und doch war es in ihrem Alltag kein großes Problem. Denn Unterstützung hatte sie immer. „Vom Mann oder den Kindern“, sagt sie.

Als Siddika selbst ein Kind war, verbot der Vater ihr und den Geschwistern den Schulbesuch. Béatrice Delassalle-Wischert, bei der örtlichen VHS zuständig für den Bereich Sprachen, kennt dieses Problem. Gerade Mädchen sei der Besuch einer Schule oft verboten. Delassalle-Wischert berichtet von einer Teilnehmerin, in deren Heimatdorf es noch nicht einmal Papier gab. Aber nicht nur der weibliche Teil von bildungsfernen Familien mit ausländischen Wurzeln sei vom Analphabetismus betroffen. Auch bei Jungen stehe in Kindheit und Jugend nicht das ABC, sondern das Geldverdienen im Vordergrund. Und in den Heimatländern vieler Analphabeten sei das auch ohne Lese- und Schreibfähigkeit kein größeres Problem. In Deutschland jedoch werde es für die Analphabeten mehr und mehr zu einem. Denn auch eine Putzkraft müsse Dienstpläne oder Anweisungen lesen können.

Materieller Wert ist für Kurs-Teilnehmer enorm wichtig

In der Realität würden Analphabeten zum Teil für vier Euro Stundenlohn arbeiten. „Die Idee ist: Du lernst schreiben, lesen und sprechen, und dann verdienst Du normal“, sagt Béatrice Delassalle-Wischert. Für viele sei dieser Weg jedoch zu lang. In dieser Zielgruppe sei der materielle Wert enorm wichtig, der ideelle Wert weniger. „Denn dieser Mehrwert ist nicht direkt sichtbar.“ Arbeiten, Geld bekommen, Plasmabildfernseher kaufen: Das wiederum ist sofort sichtbar. Spricht man dagegen etwas besser Deutsch, sei das nicht greifbar.

Obwohl das Leben ohne Buchstaben für Analphabeten erschwert ist, sähen sie nicht die Notwendigkeit, ihr Defizit anzugehen. Werden sie vom Staat mit Hartz IV unterstützt, müssen sie es angehen, um weiter Hilfe zu erhalten. Was die Dozenten bei der VHS vor besondere Herausforderungen stellt. „Viele Teilnehmer wollen nicht kommen oder sind im Haushalt stark eingebunden“, sagt Delassalle-Wischert. Männer hofften auf Jobs, die ohne Lesen und Schreiben funktionieren. Ergattern sie eine Anstellung, lassen sie den Unterricht sausen. Zudem haben die teils unwilligen Schüler nie gelernt zu lernen. Systematisches Lernen sei nicht möglich.

Der Staat finanziert nur eine bestimmte Anzahl Unterrichtsstunden

Siddikas Dozentin hat in ihrem Kurs eine Atmosphäre geschaffen, in der die Frauen gerne lernen. Ein sozialer Treff mit Unterrichtseinheiten. An vier Nachmittagen in der Wochen. „Wir arbeiten hier mit drei Methoden: Angstbewältigung, Motivation und Gedächtnistraining“, sagt Shanaz Weusthoff. Die VHS-Dozentin stammt aus dem Iran, hat in Teheran und Münster studiert und bringt nun Analphabeten das ABC bei. Die vom Staat finanzierten Schulstunden reichen den Frauen in Weusthoffs Kurs nicht, sie möchten mehr lernen. Doch das scheitert meist an den finanziellen Möglichkeiten der Familien. Der Staat finanziert nur eine bestimmte Anzahl an Unterrichtsstunden, danach müssen die Teilnehmer in die eigene Tasche greifen. Und so bleibt ein spannender Roman auch bei gutem Willen meist ein Buch mit sieben Siegeln.

Hannah Blazejewski

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