Ei-genwillige Kunstwerke im Landesmuseum

Aus dem Staunen kommen die Besucher des Oberschlesischen Landesmuseums nicht heraus. Die Oster-Sonderausstellung ist ein Hingucker.Fotos:Alexandra Roth
Aus dem Staunen kommen die Besucher des Oberschlesischen Landesmuseums nicht heraus. Die Oster-Sonderausstellung ist ein Hingucker.Fotos:Alexandra Roth
Foto: WAZ FotoPool
Was wir bereits wissen
Im Oberschlesischen Landesmuseum brachte die Oppelnerin Maria Pieczyk Kursteilnehmern das traditionelle Ostereier-Kratzen bei.

Heiligenhaus..  Volle Konzentration. Jetzt nicht zu fest drücken, sonst gibt es an Ostern keine kleinen Kunstwerke, sondern Eiersalat. Mit einem Teppichmesser einen geschwungenen Blütenkelch in die hauchdünne Eierschale zu ritzen, ist schwieriger als es sich WAZ-Mitarbeiterin Kirsten Gnoth vorstellen konnte. Die oberschlesische Tradition des „Eierkratzens“ erfordert eine ruhige Hand und viel Geduld – doch die fertigen Ostereier lassen selbst fleißige Hasen erblassen.

„Morgen haben wir alle Muskelkater in den Händen“, stöhnt eine junge Kurs-Teilnehmerin und legt für einen Moment das Teppichmesser beiseite. In diesem Moment war mir noch nicht klar, wie recht sie damit doch hatte. Denn mein dunkelbraunes Ei lag noch unberührt auf dem Tisch. Es ist das Einzige mit dieser Färbung und das hat einen ganz bestimmten Grund. „Das Ei wurde in Zwiebelschalen gekocht, deshalb hat es eine dunkelbraune Färbung. Dies war eine traditionelle Methode die Eier einzufärben“, weiß Annette Pieczyk, die den oberschlesischen Brauch von ihrer Mutter ins Osternest gelegt bekommen hat.

Mit einem Blick auf die kunterbunten Kunstwerke der anderen, sieht mein traditionsträchtiges Ei allerdings noch ziemlich trist aus. Nikolina werkelt schon seit knapp zwei Stunden im Obergeschoss des Oberschlesischen Museums herum. Die erste Hälfte hat sie mittlerweile mit Federn verziert. Das Eierkratzen kannte sie vorher nicht, dafür eine andere Tradition aus dem Balkan. „Wir haben immer Blätter und Blüten gesammelt und diese dann vor dem Färben auf die Eier gelegt. Das Ganze steckt man in eine Strumpfhose damit nichts verrutscht und färbt die Eier“, beschreibt sie.

Der Schale den ersten Kratzer zuzufügen, kostet Überwindung. Immerhin sind die Motive für die Ewigkeit bestimmt. „Einfach loslegen und das machen, wozu man Lust hat. Das Messer setzt man so an wie beim Kartoffelschälen“, fordert mich Maria Pieczyk auf. Die Oppelnerin macht es selbst so. Der Unterschied: Sie verziert schon seit Jugendtagen Ostereier und ist daher natürlich äußerst geübt im Umgang mit dem Teppichmesser. Ich hingegen habe, dank einer Abneigung gegen den Geschmack von hartgekochten Eiern, nur drei mal in meinem ganzen Leben welche gefärbt.

Ei zwischen die Finger klemmen und los geht’s. Mit der Klinge kratze ich fünf Längs-Streifen in die Schale. Das Teppichmesser gleitet über die Schale, wie ein Schlittschuh über spiegelglattes Eis. Eine gerade Linie zu halten erfordert Augenmaß und Konzentration. Direkt mit Blütenranken und Schriftzügen zu beginnen, ist also keine gute Idee. Deswegen verpasse ich dem Zwiebel-Ei erstmal ein paar schicke Streifen in verschiedenen Variationen. Eine Linie nach der anderen – solange, bis ich ein Gefühl für die Technik bekomme.

Die ersten Minuten sind ein bisschen fummelig, doch dann kann ich die Leidenschaft von Maria Pieczyk nachvollziehen. „Ich mache jedes Jahr in der Fastenzeit 80 Eier und verschenke sie dann“, erzählt Pieczyk. Fast so, wie es der ursprüngliche Brauch vorsieht.

„Am zweiten Ostertag haben die Jungs die Mädchen mit Wasser und später mit Parfüm bespritzt. Daraufhin haben sie ein selbst gemachtes Ei bekommen“, erklärt sie das Geheimnis hinter der romantischen Tradition. In Schlesien ist dieser Brauch fast ausgestorben, im Ratinger Museum lebt er weiter. Dank der ei-genwilligen Künstlerin.