Die Hasen-Apotheke verkümmert

„Mein Freund Harvey“, juxt Hannes Johannsen, neben sich ein Prachtexemplar von Lepus europaeus aus dem Bestand des Umweltbildungszentrums.Foto:Uwe Möller
„Mein Freund Harvey“, juxt Hannes Johannsen, neben sich ein Prachtexemplar von Lepus europaeus aus dem Bestand des Umweltbildungszentrums.Foto:Uwe Möller
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Was wir bereits wissen
Dieses Frühjahr ist kein gutes für den Hasen, fürchtet Förster Hannes Johannsen. Noch dringender als wärmeres Wetter braucht Lampe seine 80 Kräuter.

Der Förster muss sich recken, um „Harvey“ vom höchsten Brett der Vitrine im Umweltbildungszentrum ins Grüne zu holen: „Mein Freund Harvey“, meint Hannes Johannsen, munter den prächtigen alten Komödien-Klassiker zitierend, streicht dem ausgestopften Prachtexemplar eines Lepus europaeus übers etwas staubige Fell und setzt in auf die Wiese oberhalb der Stadtwerke. Denn wer hätte schon einen springlebendigen Hasen griffbereit?

Zudem war’s – leider – wieder mal kein gutes Hasenjahr. Die Schoko-Tierchen in Goldfolie mögen in den letzten Wochen wieder millionenfach produziert worden sein. Der echte Feldhase ist anspruchsvoller. „Die letzten Jahre waren nicht gut“, bedauert der Förster. Zu nass und kalt. „Bei Nässe wie jetzt im März steigt die Sterblichkeit“ – vor allem der dann neu geborenen Märzhasen. Denn der Nachwuchs ist schon nach wenigen Wochen auf sich allein gestellt. Die Häsin schaut zum Säugen nur zweimal täglich vorbei.

Aber schon der Junghase knabbert ja an der vom Förster so genannten „Hasen-Apotheke“ – wenn sie denn noch zur Verfügung steht. Von 80 verschiedenen Kräuter, weiß Hannes Johannsen, ernährt sich der Hase und nur im strengen Winter auch mal von junger Baumrinde. „Vor allem braucht er Spitzwegerich“ – der ja nicht ohne Grund auch zu den Zutaten des Hustentees zählt – „dann ist der Hase gesund“.

Wo wächst diese gesunde Rohkost in ihrer 80-Arten-Vielfalt? Das ist das Problem des Hasen und des Naturschutzes, denn von einer bunteren Pflanzenpalette würde auch viele andere Arten profitieren. Eine abwechslungsreiche Landschaft, erklärt der Förster, hat ganz viele „Grenzlinien“. Früher hätte man sie Säume genannt: die unbestellten Ränder von Wald und Feld, die Ufer von Seen und Bächen. Hannes Johannsen weist auf den Hang, der sich nördlich des Stauteiches abzeichnet: „Die Felder werden immer größer.“ Für einen anspruchsvollen Esser wie den Hasen verkümmert die bewährte „Apotheke“.

Und in der leereren Landschaft haben es die Fressfeinde des Nagers umso leichter. Bussarde, Rabenkrähen und Füchse zählt der Förster auf: „Die können mit neuen Biotopen umgehen. Der Hase ist leider kein Kulturfolger.“ Man müsste jetzt eben manche Arten wieder scharf bejagen. „Eine heiße Diskussion“, meint Hannes Johannsen, die um die pointierte Frage kreist: „Bringt Gegensteuern etwas“ – oder sollte der Mensch sich eher heraus halten?

Wo es noch Hecken gibt, wo Landwirt und Jagdpächter sogar mitmachen beim Ackerrandstreifen-Programm und fünf Jahre lang eine naturnahe Kräutermischung aussäen: Da zählte der Förster mit Hilfe eines Praktikanten auch wieder stattliche zehn Hasen wie nahe dem städtischen Friedhof.

Für Jäger bricht Hannes Johannsen eine Lanze, wie er sagt: „Sie haben ein Interesse, Biotope zu verbessern.“ Selbst kleine „Trittsteine“ helfen, etwa die ohnehin unbestellten Flächen rund um Strommasten. Aber der Förster weiß auch: „Die Jagden mit 300 erlegten Hasen wird es nicht mehr geben.“