Die dramatische Seite des Ironikers

Ein jungenhafter 70-Jähriger mit treuem Stammpublikum: Paul Millns hatte mit seinem Quartett im Club die Konkurrenz des „Heiligenrock“ nicht zu fürchten.Foto:Alexandra Roth
Ein jungenhafter 70-Jähriger mit treuem Stammpublikum: Paul Millns hatte mit seinem Quartett im Club die Konkurrenz des „Heiligenrock“ nicht zu fürchten.Foto:Alexandra Roth
Foto: WAZ FotoPool
Was wir bereits wissen
Paul Millns und sein Quartett präsentieren im Heiligenhauser Club-Konzert das neue Album „Gone again“ als groovende Mannschaftsleistung von Format.

Hinweise auf etwaige musikalische Konkurrenz-Veranstaltungen in Heiligenhaus sah man keine, wenn man sich am Samstagabend im Club umschaute. Wenn Paul Millns angekündigt ist, kommen die Leute – auch von weither.

Ein neues Album aus dem Vorjahr hat der jungenhafte 70-Jährige seit seinem letzten Club-Auftritt produziert. Am Samstag konnte man es fast vollständig hören. „Gone again“ heißt der titelgebende Track, ein Song über seine erfolglose Suche nach einem Gott, an den er glauben kann, erklärt der Ironiker vor dem Herrn in seiner Ansage. „Weiß nicht, wohin und wie und wann, / weg ist er, bevor man Amen sagen kann“, heißt es. Und das Ganze mit smoothem Countrysound, Besen-Schlagzeug und mit Millns als Piano-Maestro.

Seine andere, dramatisch-melancholische Seite zeigt Paul Millns mit dem zirkus- und tangohaften Titelsong seines 2010er-Albums „Calling all Clowns“, in dem er die Clowns dieser Welt darauf einschwört, wenn sie denn weinen, die Träne mit dem Kinn aufzufangen. Und das Publikum fordert der Sänger auf, nicht zu gehen, denn das gehöre alles zur Show.

Oder wenn er einen Song mit Hinweis auf die „vielen aktuellen Beispiele der Unmenschlichkeit des Menschen gegen den Menschen“ ansagt und dann von Menschen singt, die nur mitnehmen dürfen, was sie tragen können und die ein Zeichen tragen müssen, weil ihr Name „auf der Liste steht“.

Zwar, so sagt der Befürworter gebrochener Harmonien („Distillery Street“) und hintergründiger Texte („Love don’t have to be like this“), braucht es in einem Zirkus „für das echte Bluesgefühl“ auch immer die reale Gefahr, hinter der nächsten Ecke in einen guten alten Haufen Elefantenmist zu laufen. Doch auch für positivere Momente hatte der Pianist etwas dabei, etwa den faulen Blues „Happy Go Lucky Joe“, dessen träge, aber insistierende Klavierbegleitung von den Zuhörern mit heftigem Applaus quittiert wurde.

Mit Ingo Rau am Bass und Akkordeon, Vladi Kempf am Schlagzeug und Butch Coulter an Harmonica und Gitarre hat Millns seit Jahren bewährte Musiker mit auf Tour. Die instrumentale und songwriter’ische Mannschafts-Leistung groovt, ist auf den Punkt und verdient rundheraus Respekt.

Doch hervorgehoben werden muss trotzdem Butch Coulter: Wann hat man zum Beispiel das letzte Mal ein perkussives Mundharmonika-Solo zu hören bekommen? Es kommt selten vor, dass das musikalische Western-Requisit mit am meisten strahlt.