Design-Würfel vor Hitzbleck-Schornstein

Lösungs-Vorschläge für eine „fast unlösbare Aufgabe“: die Grundstücke der Oberstadt haben schwierige Zuschnitte – und gehören oft vielen Eigentümern.
Lösungs-Vorschläge für eine „fast unlösbare Aufgabe“: die Grundstücke der Oberstadt haben schwierige Zuschnitte – und gehören oft vielen Eigentümern.
Foto: FUNKE Foto Services
Junge Architekten und Planer präsentieren im Heiligenhauser Rathaus-Center ihre Entwürfe zum Masterplan Oberstadt. Die „spinnerten“ Ideen zeigen Mut.

„Ein bisschen spinnert“ – in den Worten des Technischen Beigeordneten muss das ein ordentliches Kompliment sein. Harald Flügge präsentierte mit diesen launigen Worten die Entwürfe eines kompletten Jahrgangs des Masterstudiengangs Städtebau an der Fachhochschule Köln. „Spinnnert?“ Vielleicht, aber auf jeden Fall auch mutig und gekonnt – denn schließlich hatten diese 21 jungen Architekten, Stadtplaner und Landschaftsplaner ihr Bachelor-Studium bereits erfolgreich absolviert.

Ihr Professor Andreas Fritzen musste zwar das Fehlen seiner Studenten entschuldigen – „ihre Seminartage sind jetzt einfach vollgepackt“. Aber er erinnerte sich bestens gelaunt an die fünf Forschungs-Tage vor Ort und an das Quartier „in diesem Club, wie heißt der noch?“: Der Club war natürlich gemeint.

Vorgenommen hatten sich die Architekten und Planer, möglichst in gemischten Dreier-Teams ihrer Berufe, ein Areal, das sich jetzt auch der Flächenpool.NRW vornimmt (die WAZ berichtete): Die Entwürfe, gestaltet ganz unabhängig Budgets und Investoren-Vorgaben – und sicher darum „ein bisschen spinnert“, galten der Oberstadt. Vor allem ging’s um die Raumnutzung entlang der neuen Westfalenstraße, bis her ein Areal ungenutzter Chancen.

Keck den Sanaa-Kubus versetzt

So jedenfalls kommentierte Andreas Fritzen jene Skizzen, die vor allem den Flächen rund um das Hitzbleck-Areal eine für Heiligenhaus geradezu großstädtische Anmutung geben. Eine Computer-Darstellung hatte sogar keck die Design-Schule von Zollverein – den inzwischen ikonischen Kubus von Sanaa – vor den markanten Hitzbleck-Schornstein gesetzt.

Eingangs zitierte Stadtplaner und Architekt Andreas Fritzen noch jenes unter Studenten seiner Fächer berühmt-berüchtigten Skandalon: „Ein holländisches Büro hatte ja vorgeschlagen, Heiligenhaus zu verlandschaften“ – sprich: die Stadt als Siedlungsgebiet aufzugeben. „Wir waren bass erstaunt“, so der Kölner, als Professor und Studenten die geradezu erneuerungswütige Kleinstadt „live“ erlebten.

Entsprechend inspiriert zeigen sich an den Stellwänden im größten leerstehenden Ladenlokal des Rathaus-Centers die Entwürfe. Dabei sahen sich die Master-Studenten, abgesehen vom großen Hitzbleck-Areal, „vor einer fast unlösbaren Aufgabe“, so ihr Hochschullehrer. Warum? Schwierig sei vor allem der Zuschnitt der Grundstücke – deren Aufteilung auf etliche Eigentümer auch eine Herausforderung für die bald beginnende Arbeit des Flächenpools darstellt.

Andreas Fritzen empfahl seinem Publikum aus Politik und Verwaltung, Ansätze und Bauformen aus den Entwürfen der studentischen Dreier-Gruppen zu kombinieren – „bei einem Wettbewerb wäre das nicht erlaubt“. Das Ziel sollte sein: „Machen Sie die Westfalenstraße städtischer!“ Bisher hat sie – trotz ihrer Nähe zur Hauptstraße – den Charakter einer Ausfallstraße. Gebäude sollten näher an die Straße rücken: die erste Reihe mit Büros, Geschäften und Gewerbe, die ruhige Lage dahinter mit innenstadtnaher Wohnbebauung. Auf den schmucken Skizzen der Master-Studenten heißen diese neuen Quartiere: „Gemeinschaftshof“, „Clusterplatz“ oder sogar „Velo Ville“. Man möchte sofort einziehen.

Urbane Szenografien

„Unsere Bibel für den innerstädtischen Umbau“: Dieses neue Testament stammt weder von der Bezirks-, noch von der Landesregierung aus Düsseldorf – sondern ebenfalls von Studenten einer angesehenen Hochschule. „Urbane Szenographien“ waren es, die seit nun über zehn Jahren im Technischen Dezernat zu „biblischer“ Hochachtung aufstiegen.

Die 30 Studenten, die 2004 Heiligenhaus gründlich erkundeten, stammten von der Rheinisch-Westfälischen Technischen Hochschule Aachen, kurz RWTH, mit über 40 000 Studierenden die größte Universität für technische Studiengänge in Deutschland.

„Wir bauen heute noch auf diesem Entwicklungskonzept für unsere Innenstadt auf“, sagt Harald Flügge. Das vom Technischen Dezernenten gern zitierte Prädikat „Sorgfaltsraum“ hat hier eine Quelle. Anders als das niederländische „Verlandschaftungs“-Gedankenspiel hatten die RWTH-Studenten Mut gemacht, Heiligenhaus größer zu denken: „Wer hätte hier vor acht Jahren mit einem Hochschul-Standort gerechnet?“ Im Jahr 2015 ist dies eine rhetorische Frage Harald Flügges.