Architektur aus dunkler Vergangenheit

Gemusterte Tapete und lange Schals vor hell verglasten Fenstern: So sah der Ratssaal 1925 vor der Umgestaltung aus
Gemusterte Tapete und lange Schals vor hell verglasten Fenstern: So sah der Ratssaal 1925 vor der Umgestaltung aus
Foto: WAZ FotoPool
Was wir bereits wissen
Ein Einblick in die Geschichte des Sitzungssaals. Nazis ließen den Raum zu Beginn der 1940er Jahre komplett nach ihrem Geschmack umgestalten .

Heiligenhaus..  Eine mächtige Eichentür, eingefasst in einen Rahmen aus Marmor, riesige Kronleuchter und massive Deckenbalken: Der Sitzungssaal im Rathaus-Altbau ist imposant – keine Frage. Was den Besucher heute beeindruckt, stammt jedoch keineswegs aus dem Baujahr des Rathauses. Der Raum und seine markante Architektur wurde in der Zeit des Nationalsozialismus geschaffen.

Wie es dazu kam, steht in den Unterlagen des Stadtarchivs geschrieben. Seit 1938 wurde über die Umgestaltung des großen Saals beraten. In der Sitzung mit den Gemeinderäten am 7. Februar 1940 gab Bürgermeister Hans Wernicke seine Absicht bekannt, wegen des geringen Beschäftigungsgrades der örtlichen Handwerkerschaft eine Renovierung des Saals vornehmen zu lassen. Und das, obwohl die Gemeinde mit dem Beschluss in die Kriegswirtschaft eingetreten war, „nicht unbedingt notwendige Ausgaben mit sofortiger Wirkung“ zu stoppen.

Noch im Herbst 1940 begann man mit den Bauarbeiten. Am 12. Januar 1942 konnte der neu gestaltete Sitzungssaal schließlich feierlich übergeben werden. Einige Tage zuvor hatte die Velberter Zeitung die Architektur des Raums mit einem langen Artikel gewürdigt. „Bei dem Umbau hat man ganze Arbeit geleistet und den Sitzungssaal von unten bis oben neu gestaltet“, heißt es in dem Artikel vom 4. Januar 1942. In der Rede, die der damalige Bürgermeister Wernicke zur Übergabe des Saals hielt, sagte er unter anderem, der alte Raum habe sich „nicht in den Rahmen unserer Auffassung von Würde und Echtheit nationalsozialistischer Beratungsstätten“ eingefügt. Richtschnur für die jetzt „zweckmäßige Gestaltung“ seien die Vorbilder alter deutscher Bau- und Raumkunst gewesen.

Wie der Sitzungssaal vor der Umgestaltung ursprünglich aussah, zeigt ein Foto aus dem Jahr 1925. Eine Tapete mit großflächigen Mustern bedeckt die Seitenwände des Raums, lange Schals umrahmen die hell verglasten Fenster.

Verziertes Mauerwerk

Wie heute thront ein Balkon über dem Saal, anstelle der aktuellen Holzkonstruktion fand man 1925 jedoch ein verziertes Mauerwerk.

Seine damalige Form erhielt der Sitzungssaal beim Umbau des Rathauses in den Jahren 1922/23. Vorher beherbergte das Haus eine dreiklassige, evangelische Ortsschule. Zu diesem Zweck war es 1885/86 auch von der Stadt Velbert errichtet worden. „1919, nach dem ersten Weltkrieg, wurde es zum Rathaus“, sagt Stadtarchivar Hartmut Nolte. Das Bürgermeisterbüro war bereits seit 1897 in dem Gebäude angesiedelt. „Die Verwaltung wurde jedoch immer größer und brauchte mehr Platz“, so Nolte. Also zog die evangelische Schule in die Schulstraße. Das Schulgebäude wurde zum Rathaus umgebaut – der Sitzungssaal entstand.