Anwalt teilt gegen Gutachter aus

Der Urteilshammer kommt noch immer nicht zum Einsatz.
Der Urteilshammer kommt noch immer nicht zum Einsatz.
Foto: Lars Heidrich
Was wir bereits wissen
Jurist und Mediziner streiten am Gericht über Sorgfalt bei der Begutachtung. Hintergrund: die Schuld(un)fähigkeit des mutmaßlichen Totschlägers N. aus Heiligenhaus.

Wuppertal / Heiligenhaus..  Der Staatsanwalt und die Vertreter der Nebenkläger sind schon seit Ende Januar in den Startlöchern, um ihre Abschluss-Plädoyers zu halten und dann das Urteil der Großen Strafkammer am Landgericht Wuppertal zu erwarten.

Doch der Heiligenhauser N. (31, Name geändert), der schon zum Prozessauftakt gestanden hat, seine in Trennung lebende Frau am 7. März 2014 mit mindestens 29 Messerstichen getötet zu haben, macht weiterhin guten Gebrauch von seinem guten Recht, sich mit allen Mitteln verteidigen zu lassen.

Nachdem ein psychiatrischer Gutachter die Annahme einer „tiefgreifenden Bewusstseinsstörung“ zur Tatzeit und mithin ein Kriterium für eine Schuldunfähigkeit zurückgewiesen hatte, beantragte N.s Verteidiger nun im Verlauf des gestrigen Prozesstages ein weiteres Gutachten, das diese doch noch belegen soll.

Der Anwalt sprach unter anderem von zweifelhafter Sachkunde und gar Versagen des Gutachters, Punkt für Punkt stellte er die aus seiner Sicht „unvertretbar verkürzte Datenerhebung“ und Fehler in der fachärztlichen Argumentation dar. Im Kern war es ein Clash der Berufskulturen: Streiten sich ein Jurist und ein Mediziner, wie und wie schnell man sich ein ausreichendes Bild von der Psyche eines mutmaßlichen Totschlägers machen kann.

Standardisierte Tests

Das in nur zwei Sitzungen von drei Stunden Gesamtdauer und fast ohne „investigative Untersuchung“ zu bewerkstelligen, nennt N.s Anwalt „ein völlig unlösbares Unterfangen“. Er ist der Meinung, dafür brauche es eher zehn bis zwölf Stunden. Auch sei die psychiatrische Exploration mit standardisierten Tests, wie sie im verhandelten Fall den Großteil ausmachten, ein „Minimalismus, der in keiner Weise vertreten oder gerechtfertigt werden kann“.

Der Gutachter legte seinerseits Punkt für Punkt dar, warum er sich fachlich korrekt verhalten habe. Die Tests seien nötig und aussagekräftig, argumentierte er, ferner könnten intensive oder zugespitzte Befragungen zu belastenden oder tendenziösen Ergebnissen führen. Zum Vorwurf, er habe statt dem Beck-Depressions-Inventar II die Paranoid-Depressivitäts-Skala eingesetzt, erklärte er: „Es handelt sich nicht um ein abgelegtes Verfahren.“

Bei all dem Streit um die richtige Methode der Begutachtung ist eine Revision (Wiederaufnahme wegen juristischer Formfehler) nicht ausgeschlossen. Doch bleibt zunächst abzuwarten, wie das Gericht den neuen Beweisantrag bescheidet. Der nächste Verhandlungstag ist am 20. Februar geplant.