Bauwerk: Ein Güterwaggon wird zur Brücke
Heiligenhaus. Dank logistischer Meisterleistung wurde in Heiligenhaus ein alter Güterwaggon als Brücke installiert.
Ein Kran bugsierte den Waggon hoch über der Bahnhofstraße in die richtige Brückenposition. Zahlreiche Zuschauer drängten sich auf der Trasse am Absperrzaun. Foto: WAZ, Uwe Vogler
Foto: WAZ
Ein Eisenbahnwaggon als Brücke? Das ist wohl eine außergewöhnliche Sache. So außergewöhnlich zumindest, dass es in Deutschland ein solches Bauwerk nicht gab. Bis gestern. Jetzt sitzt ein original Eisenbahn-Rungen-Waggon, Baujahr 1976, als neue Brücke über der Bahnhofstraße.
Zweieinhalb Jahre hat Ingenieur Uwe Diehl darauf gewartet, diese Idee umsetzen zu können. Am späten Freitagnachmittag lacht er – auf eben seiner Brücke stehend – über das ganze Gesicht: „Es ist überwältigend!” Die Anspannung ist weg, das Bangen, ob alles klappt.
Auf dem Gelände der türkisch-islamischen Gemeinde gab's Infos und Fotos zum alten Bahnhof – außerdem wurde gefeiert.Foto: WAZ, Uwe Vogler
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Zwei Stunden dauern die Vorbereitungen, 15 Minuten das eigentliche Einsetzen per Kran: Der 19,9 m lange Eisenbahnwaggon schwebt einige Minuten hoch über der Bahnhofstraße. Langsam, ganz langsam, setzt der Kranführer aus Duisburg die 25 Tonnen schwere Last auf die im Jahr 1915 erbauten und nun wiederhergestellten, verstärkten Widerlager. Die riesige Zuschauermenge unten klatscht.
„Ich bin vor einiger Zeit auf dem Bahndamm bis Velbert gelaufen”, erzählt Hans Gerd Schwalfenberg, Vorsitzender des Bürgervereins Oberstadt-Nord. „Ein toller Ausblick, wenn man den Ehemannshof passiert hat!”
NRW-Fördermittel
Mit Vereinsmitglied Frido Gerull dokumentiert er jetzt den Waggon-Einbau an der Bahnhofstraße per Videokamera. „Wir sind sehr stolz, dass dieses Ereignis in unserem Bezirk passiert. Ich bin im zwölften Jahr Vorsitzender, das jetzt ist ein echtes Highlight.” Die ungewöhnlichen Brücke bringe sicherlich viele Leute in die Stadt. „Man sollte hier noch einen Ausflugsparkplatz schaffen, wenn das Silo renoviert ist”, regt er an. Der Bürgerverein werde jedenfalls Radtouren anbieten, sobald der Alleenradweg fertig ist.
Dem fiebert ebenso Ralf Nelles entgegen, der sich Freitag frühzeitig einen Platz im Schatten gesichert hat. „Das ist ein tolle Sache", findet der Heiligenhauser. Nicht nur in technischer Hinsicht, sondern überhaupt für eine kleine Stadt wie Heiligenhaus. „Wenn es so weit ist, bin ich gespannt, wie es sich anfühlt, über so eine Brücke zu laufen.”
Gewichtverteilung
17,4 m lang war der Kranausleger,
an dem am Freitagnachmittag der Waggon in der Luft hing. Dieser selbst wiegt „nur” 25 t. Um das 19,9 m lange Brückenteil aber in seine richtige Position zu bringen, das heißt um 90 Grad zu drehen, bedurfte es eines 200-Tonnen-Krans und Gegengewichten von 97,5 t. Die Brücke wurde dann auf die vorhandenen, aber verstärkten Widerlager aufgesetzt.
Testen dürfen dies zunächst (für Kamerateams und Pressefotografen) nur Diehl, Bürgermeister Dr. Jan Heinisch und sein Essener Kollege Rolf Fliß, Technischer Beigeordneter Harald Flügge, Landtagsabgeordneter Dr. Wilhelm Droste und Mehmet Yildirim von der türkisch-islamischen Gemeinde. Mit dabei zudem Staatssekretär Günter Koslowski.
Fingerspitzengefühl gefragt
Letzterer hat mit viel Neugier die Präzisionsarbeit der Arbeiter oben am Brückenkopf beobachtet. „Wir geben schließlich das Geld, da möchte man schon sehen, was damit geschieht”, sagt er scherzend. 190 000 Euro netto hat das Land in das Projekt investiert – mit den nötigen Anpassungsarbeiten an das Gelände und für die Errichtung der Fundamente. Die bewilligten Fördermittel aus dem Alleenradwegeprogramm des Landes von rund 2,85 Millionen Euro sichern auch die Sanierung der restlichen zehn Brücken auf dem acht Kilometer langen örtlichen Streckenabschnitt.
Und wann dürfen die Bürger über ihre Waggonbrücke gehen? „In gut zwölf Wochen”, schätzt Harald Flügge.


















