3850 Kilometer zur neuen Heimat in Heiligenhaus

Olexiy  Nocker war als Neubürger bei der jüngsten Einbürgerungsfeier im Düsseldorfer Landtag: „Am besten fand ich, dass wir alle die Hymne gesungen haben“, sagt der 34-Jährige aus Saporischschja in der Ukraine.Foto:Heinz-Werner Rieck
Olexiy Nocker war als Neubürger bei der jüngsten Einbürgerungsfeier im Düsseldorfer Landtag: „Am besten fand ich, dass wir alle die Hymne gesungen haben“, sagt der 34-Jährige aus Saporischschja in der Ukraine.Foto:Heinz-Werner Rieck
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Was wir bereits wissen
Olexiy Nocker zählte zu den 171 Gästen des Neubürgerempfangs im Düsseldorfer Landtag. Der 34-jährige Sportler stammt aus dem Osten der Ukraine

Deutsche Meistertitel hatte Olexiy Nocker schon gewonnen, lange bevor er jetzt auch seinen deutschen Pass erhielt. Die sportlichen Titel sammelte der heute 34-jährige Heiligenhauser im Aquaball-Team der „Unna Marlins“. Noch etwas festlicher als Titel-Ehrungen geriet dann die jüngste Einbürgerungsfeier im Düsseldorfer Landtag. 171 Frauen und Männer aus 53 Nationen hatte Ministerpräsidentin Hannelore Kraft eingeladen – darunter Olexiy Nocker aus Heiligenhaus.

Aufgewachsen ist der Neubürger rund 3850 Kilometer entfernt in Saporischschja, der sechstgrößten Stadt der Ukraine und Partnerstadt von Oberhausen. „Es ist rund 200 Kilometer entfernt vom Kriegsgebiet“, sagt die Olexij Nocker – eine wohl häufig gestellte Frage vorweg nehmend. Nach Deutschland allerdings kam er nicht als Flüchtling, sondern als Au-pair. In seiner ersten Heimat hatte er zunächst eine Sportschule besucht, ein Sportstudium fürs Lehramt angeschlossen. Au-pair war Olexij in Unna für eine jüdische Familie, die ebenfalls aus der Ukraine stammte – aber schon seit 18 Jahren in Deutschland eingebürgert war.

„In Unna habe ich meine Frau kennen gelernt“, erzählt „Alex“, wie er bei seinen deutschen Vereinskollegen heißt. „Sie hat für mich gekämpft.“ Zunächst nämlich musste der Student nach seinem Au-pair-Jahr zurück nach Saporischschja. Die 2005 geschlossene Ehe hatte nicht gehalten.

Der ausgebildete Sportlehrer spricht offen über den schwierigen Start ins deutsche Berufsleben: „Man sitzt zuhause herum ohne Arbeit. Es ist nicht so einfach mit meinem Diplom.“ Um hier unterrichten zu dürfen, hätte Olexiy Nocker noch ein zweites Unterrichtsfach studieren müssen. „Aber ich wollte arbeiten.“ Der Sportler war stundenweise als Übungsleiter beschäftigt, begleitete auch ein Kind mit Down-Syndrom – und entdeckte so seinen neuen Beruf.

Sieben Jahre arbeitete er als Heilerziehungspfleger nach seiner Ausbildung am Märkischen Berufskolleg. Während dieser ersten Zeit, sagt Olexiy Nocker, „war das Wörterbuch meine Bibel“. Die Sprache zu beherrschen sei fast alles. „Ohne die Sprache lebst du in einem Land ohne Freunde.“ Das sollte dem „kommunikativen Menschen“, wie der 34-Jährige sich selbst beschreibt, nicht passieren. Selbst vor den Kindern war er als Berufsanfänger ein bisschen bange: „Ich habe einen Akzent und hatte Angst, sie könnten mich auslachen.“

Er macht sich Sorgen um die Eltern

Inzwischen wechselte Olexiy Nocker beruflich in die Altenpflege und arbeitet für den ambulanten Pflegedienst „Alpha-Team“ in Wülfrath, der pflegebedürftige Menschen zuhause in ihrer gewohnten Umgebung betreut.

„Ich habe mich entschieden zu bleiben.“ Den Weg zur deutschen Staatsbürgerschaft nennt der Neubürger „weder schwierig noch kompliziert“. Er bedauert nur, dass es nicht möglich war, auch weiter Bürger der Ukraine zu bleiben. Um die Familie in Saporischschja, sagt Olexiy Nocker, „mache ich mir schon Sorgen“. Der Krieg in 200 Kilometer Entfernung könnte näher kommen? Es ist nicht nur das, sondern auch die Sorge um das wirtschaftliche Überleben seiner Eltern, denen es – angesichts der kriegsbedingten Inflation – immer schwerer fällt, mit ihrer kleinen Rente auszukommen.

An der Einbürgerungsfeier gefiel Olexiy Nocker am besten, „dass wir alle die Hymne gesungen haben“. Es gab Textblätter für die Neubürger aus 53 Heimatländern. Für den Heiligenhauser war’s ein stolzer Moment.