200 von 56 Millionen

Gegen aufkeimende Hysterie mag kaum ein Kraut gewachsen sein – aber manchmal könnte es helfen, die Perspektive zurecht zu rücken. Weltweit sind 56 Millionen Menschen auf der Flucht. Würde eine halbe Million den Weg nach Deutschland nehmen, wie es die dramatischsten Prognosen für 2015 vorhersagen, wäre es noch nicht jeder Hundertste.


Der Bürgermeister präsentierte gestern eine andere Zahl: Während der Jugoslawien-Kriege hatte Heiligenhaus 500 Flüchtlinge aufgenommen, 300 mehr als heute. Jan Heinisch war damals noch Gymnasiast, aber als politischer Mensch dürfte er sich korrekt erinnern. Die Stimmung war damals noch nicht derart aufgeheizt – oder sollte man schreiben: aufgehetzt.


Der große Unterschied war jene „Bleibe-Perspektive“ für Bosnier und Kroaten, die heutigen Asylbewerbern aus dem Kosovo völlig fehlt: Ihre Anträge sind zu 99,7 Prozent (so die offizielle und viel zititerte Statistik) chancenlos. Und der zähe Gang der Verfahren schiebt die Entscheidung – sich zu integrieren oder das Land zu verlassen – immer weiter hinaus.


Auch diese Vagheit erschwert die Ansätze zu einer Willkommenskultur. So wie das gedankenlos gleichmacherisch auf Tausende gestempelte Etikett des „Wirtschaftsflüchtlings“.