Zwischen Liebe und Hass

Wären unglücklich, wenn sie sich nicht hätten: Luisa (17) und Tom (13) Selent.
Wären unglücklich, wenn sie sich nicht hätten: Luisa (17) und Tom (13) Selent.
Foto: Fischer
Mit Bruder oder Schwester auszukommen, ist nicht immer leicht. Am heutigen „Tag der Geschwister“ soll diese besondere Beziehung gewürdigt werden.

Hattingen..  „Bist du meine Mutter, oder was?“ Als jüngeres Geschwisterkind hat man es nicht leicht. Herumkommandiert, gepiesackt und genervt wird man da. Und in den Augen der anderen ist man immer derjenige, der weniger weiß und kann. Das zumindest behauptet mein kleiner Bruder Tom (13).

Aber auch die Älteren haben einiges an ihrer Rolle auszusetzen. Wie oft habe ich schon versucht, darauf aufmerksam zu machen, wie empfindlich mein Bruder ist, und kritisiert, dass er immerzu in Watte gepackt wird. Das Resultat waren bis jetzt lediglich lautstarke Familiendiskussionen. Oder meine Versuche, meinen Bruder dazu zu bringen, dass er etwas für uns regelt. Etwa den Anruf bei der Tante zwecks Einladung zum Geburtstag. In diesen Momenten beruft er sich ganz plötzlich gerne auf seine Rolle als Nesthäkchen. „Ich bin der Kleinere, mach’ du das doch mal“, heißt es dann.

Es ist nicht immer einfach, mit den eigenen Geschwistern auszukommen. Und an genau diese meist lebenslang andauernde Beziehung soll am heutigen Freitag erinnert werden. Seit 1998 findet an jedem 10. April der „Tag der Geschwister“ statt. Ins Leben gerufen wurde er von der Amerikanerin Claudia A. Evart, nachdem ihre beiden Geschwister bei einem Autounfall tödlich verunglückt waren. Sie fand, dass der Geburtstag ihrer Schwester ein Tag sein sollte, an dem man an seine Geschwister denkt. Denn ganz egal, wie schwer es manchmal fällt miteinander auszukommen und sich zusammenzureißen, so oft ist ein Geschwisterkind auch ein Segen. Gerne zeigt sich das natürlich in den ruhigeren Momenten unseres Zusammenlebens. Wie langweilig wäre so mancher Familienurlaub ohne die moralische Unterstützung meines Bruders. Ungewohnte Anflüge von Zuneigung überfallen mich, wenn er sich bei Diskussionen plötzlich und unerwartet auf meine Seite schlägt und mir den Rücken deckt. Und unvergessen bleiben die Momente des stillen gegenseitigen Verstehens. Zwischen all den Beschwerden und gegenseitigen Seitenhieben ist Tom und mir dann doch klar: Wir wären beide unglücklich, wenn wir uns nicht gegenseitig hätten.

Deshalb ist der heutige Tag eine gute Möglichkeit sich darüber bewusst zu werden, was man eigentlich am anderen hat, und sich bis zum nächsten – ganz sicher stattfindenden – Streit möglichst freundlich zu verhalten. Denn der wird kommen. Das wird sich, egal wie viel Mühe wir uns geben werden, niemals ändern.

Luisa Selent, 17 Jahre alt, ist Schülerin am Gymnasium Holthausen