Wohnen im Klassenzimmer

Foto: Fischer
Was wir bereits wissen
Olaf Hans hat im Jahr 2007 die alte Volksschule Winzermark gekauft. Er hat das Gebäude so umgestaltet, dass es heute drei Wohnungen beherbergt – alles im Sinne des Denkmalschutzes.

Hattingen..  Die Bagger waren schon fast bestellt, der Abriss der katholischen Schule Winzermark beantragt. Da schritt die Obere Denkmalbehörde ein. Und das, obwohl die Schule am Vogelsberg noch gar nicht unter Schutz stand. Allerdings war sie als für die Kulturlandschaft prägend auf der Kulturgutliste geführt worden – dass sie unter Denkmalschutz gestellt werden würde, war deshalb wahrscheinlich. So wurde ein letzter Versuch gestartet, das Gebäude zu erhalten. Durch einen Verkauf. Dabei hatte die Stadt wenig Hoffnung, dass sich für die Dorfschule Interessenten finden würden.

„Ich habe in der Zeitung gesehen, dass ein Käufer gesucht wird“, erinnert sich Olaf Hans. Mehrere hatten sich gemeldet und Hans erhielt den Zuschlag. Und steckte seine Leidenschaft in die alten Mauern. „Wenn man so ein Haus kauft, darf man nicht Baumarktware schön finden“, meint er. Und der Hauseigentümer hat einen Hang zu alten Sachen. „Man muss sammeln und suchen.“

Auch in der alten Volksschule Winzermark, die heute drei Wohnungen beherbergt, hat Hans alte Materialien verbaut. „Die Fliesen habe sind aus einem Abrisshaus die , Türen auch“, sagt er. Und betont: „Man braucht Ideen, um aus einer Schule Wohnungen zu machen.“

Einer der zwei Klassenräume blieb weitgehend erhalten – er verleiht der Wohnung des Hausbesitzers einen Loft-Charakter. Wo früher Schüler paukten, hat er Ess- und Wohnzimmer eingerichtet. So sieht man an den großen Räumen noch immer, wofür das Gebäude einst gebaut wurde.

Das übrigens verriet auch die Toilettenanlage. „Die waren seitlich angebaut. Man musste immer vorn raus aus dem Gebäude und außen rum“, erinnert sich Horst Kamperhoff. Der 72-Jährige lernte bis 1957 selbst in der Volksschule und organisiert noch heute Treffen mit den ehemaligen Klassenkameraden. Damals übrigens bildeten die Stufen 1 bis 4 eine Klasse, die Stufen 5 bis 8 die zweite. „Wenn man mal keine Lust auf Unterricht hatte, hat mancher Schüler gesagt er müsste auf Toilette und ist abgehauen“, erzählt Kamperhoff und lacht.

Für Olaf Hans bedeuteten die außen liegenden Toiletten aber, dass Abwasserleitungen erst im Haus verlegt werden mussten. „Früher gab es hier nur eine Sickergrube.“ Heute laufen die Steigleitungen durch die alten Kamine.

Einen Eindruck von den Verhältnissen vor gut 100 Jahren vermittelt ein Bericht des Schulrats über die Ausstattung der Winzermarkschule. Damals habe sich der erste Lehrer beklagt, dass die Kohlen für die zweite Klasse durch den Flur seiner Wohnung getragen werden mussten – die befand sich im Mittelteil des Gebäudes. Außerdem könne der Ofen den Klassenraum nicht ausreichend heizen. „Bei einer Außentemperatur von drei Grad Celsius zeigte das Thermometer in der Nähe des Ofens nur acht Grad, in der Nähe der Fenster nur fünf Grad Wärme“, heißt es im Bericht von 1914. So verwundere es auch nicht, dass ein Kind geweint habe, weil es so kalte Finger hatte.

Vieles hat Olaf Hans in der alten Dorfschule erneuern müssen und das im Sinne des Denkmalschutzes. Aber bereut hat er seinen Schulkauf nie: „Es macht keinen Sinn so ein Haus zu kaufen und dann auf den Denkmalschutz zu schimpfen“, sagt er.

„Hülferuf für eine Schule in der Winzer Mark“

Eine berüchtigte und verruchte Gegend war die Winzermark um das Jahr 1850. ­Diebesbanden trieben hier ihr Unwesen. Und helfen sollte eine Schule. Der Bonsfelder Schulvorstand veröffentlichte 1852 einen „Hülferuf für eine Schule in der Winzer Mark“. Damit sollte für eine Haus­kollekte geworben werden, mit der eine Schule gebaut werden könne. Der Lehrer dieser Schule sollte nicht nur die Kinder unterrichten, sondern „auch die verkommene erwachsene Bevölkerung für ein Leben in Gottesfurcht und Sittlichkeit gewinnen“.

99 schulpflichtige Kinder wurden damals in der Winzermark gezählt. Sie stammten aus 75 Familien. Aus denen wiederum verbüßten 19 Personen Haftstrafen – eine berüchtigte Gegend.

Der Schulvorstand wollte dort die Grundlage für ein neues christliches Leben schaffen: „Diese Grundlage kann nur in einer christlichen Schulanstalt bestehen, welche die im Elternhause versäumte, durch das Ärgernis des elterlichen Beispiels verlockte aufwachsende Jugend in ihre fromme Pflege nimmt, um das wachsende Unkraut in seinen ersten Keimen auszurotten.“

Entstanden ist nicht nur eine Schule, sondern insgesamt fünf. Die evangelische Schule auf den Grenzberg war die erste. Im Jahr 1877 wurde auch die Schule auf dem Vogelsberg gebaut. Und sie ist die einzige auf Hattinger Gebiet, die bis heute erhalten geblieben ist. Zwei der fünf Schulen liegen nach der Neuordnung der Gemeinden auf Nierenhofer Gebiet.

„Die Winzermarkschule ist ein Musterbeispiel für eine alte Dorfschule“, erklärt Denkmalpfleger Jürgen Uphues. Unterricht habe zur damaligen Zeit häufig in Kotten oder Sälen von Gaststätten stattgefunden. Der detaillierte Bau des Schulgebäudes im Jahr 1877 be­zeuge, wie wichtig das Schulwesen in dieser Zeit war.

Das Gebäude mit seiner Bruchsteinmauer und dem Satteldach ist mit Giebeln aus Stein versehen, in die seitlich je ein Kreuzzeichen eingemeißelt ist – immerhin war es eine katholische Schule. Der Eingang ist als Hauptgiebel aufwändig gestaltet, die Fenster von Stichbögen gerahmt. Seine heutige Form erhielt das Haus übrigens mit dem Anbau im Jahr 1900.

„Es ist das besterhaltene Gebäude für den Schultyp und die architektonische Gestaltung in Hattingen“, weiß der Denkmalpfleger. Entsprechend wurde es am 22. März 2006 als für die Geschichte des Menschen im ländlichen Raum des 19. und frühen 20. Jahrhunderts bedeutend in die Hattinger Denkmalliste eingetragen.