Von Kafka und netten Gedichten

Foto: Fischer
Was wir bereits wissen
Im Lesecafé, das seit knapp sechs Jahren monatlich in der Stadtbibliothek stattfindet, treffen sich Senioren zum Zuhören und zum Austausch.

Hattingen..  Gebannt hört ein Dutzend Hörer den Sätzen von Hildegard Reuter zu. Sie liest im Rahmen des Lese­cafés in der Stadtbibliothek aus Franz Kafkas Werk „Die Verwandlung“ vor und unterhält sich mit ihren Zuhörern im Anschluss daran darüber. In einem kleinen, gemütlichen Rahmen. So wie es sich die Bibliothek wünscht.

Seit Sommer 2009 veranstaltet die Bibliothek in Kooperation mit dem städtischen Treff Kick das Lesecafé, das somit einen Gegenpol zu dem breiten Veranstaltungsangebot für Kinder und Jugendliche darstellt. „Wir haben für die jüngeren Leser sehr viel, aber wollen natürlich eine Anlaufstelle für alle Altersklassen sein“, betont Bernd Jeucken, Leiter der Stadtbibliothek. Die Senioren erreicht er mit dem Lesecafé, um dessen Organisation sich der Freundeskreis der Stadtbibliothek kümmert. „Er bestimmt, aus welchen Werken vorgelesen wird, es sind unterschiedliche Lektüren“, so Jeucken.

Sachbuch bis Kurzgeschichte

In der Regel gibt es kleine Leckerbissen aus unterhaltsamen Kurzgeschichten oder Gedichten. Manchmal stellen die Vorleser aber auch Sachbücher vor, über deren Inhalt anschließend diskutiert wird. Oder eben etwas schwierige Literatur wie am Dienstagmorgen mit Franz Kafka. Während der Geschichte, in der sich Protagonist Gregor Samsa über Nacht plötzlich in einen Käfer verwandelt und seine Familie ihn seitdem mehr und mehr verachtet, gibt Hildegard Reuter zwischendurch einige Erklärungen – zum besseren Verständnis für die Hörer. Etwa, dass der Protagonist der Alleinverdiener seiner Familie ist und sich seine Eltern und Schwester ein feines Leben machen oder dass die Rolle von Gregor Samsa besser interpretiert werden kann, wenn man sich mit der Persönlichkeit von Kafka beschäftigt.

Denn im Lesecafé kann sie in einer Stunde kein gesamtes Werk vorlesen. Bei mancher Literatur sind somit Erklärungen notwendig und von den Zuhörern auch gewünscht. „Um es gänzlich zu verstehen, müsste man sich das Buch selbst komplett durchlesen“, denkt eine Besucherin des Lesecafés laut.

Neue Kunden kein primäres Ziel

Manche Besucher des Lesecafés verweilen nach den Geschichten noch eine Weile in der Bibliothek. Die meisten von ihnen haben einen Leseausweis. „Es ist aber nicht unser primärer Anspruch, neue Leser zu bekommen“, erklärt Jeucken. Das Wichtigste sei, dass die Senioren sich wohlfühlen und einen schönen Vormittag haben.

Im nachträglichen Gespräch über die Zeilen sitzen die Senioren noch eine Weile bei einem Kaffee zusammen, reden entweder über die Geschichten, die sie gehört haben, oder tauschen sich einfach nur aus. So wird die Bibliothek auch zu einem Treffpunkt. Die Senioren schmunzeln an der ein oder anderen Stelle. Auch bei Kafka. „Die Interpretation ist jedem selbst überlassen“, sagt Hildegard Reuter.