Von der Scheune zum Schultenhof

Foto: Fischer
Was wir bereits wissen
Am Gelinde 2 wurden im Schreibwarengeschäft von Hugo Overbeck einst auch Bücher verliehen. Eigentümerin Margret Overbeck sagt heute: Das Haus braucht viel Pflege.

Hattingen..  Das Gelinde ist eine der kürzesten Straßen Hattingens. Doch stehen auf den kurzen Stück zwischen Untermarkt und Großer Weilstraße gleich zwei Häuser unter Denkmalschutz. Während an der Stelle des Hauses Gelinde 5 einst die Wiese des Hattinger Dinggerichts lag (siehe Zweittext), wie Heinrich Eversberg in seinen Nachforschungen erläuterte, war das andere, Gelinde 2, zunächst eine Scheune und beherbergte viele Jahre später Hattingens erste Volksbibliothek.

Eine Scheune ist das Haus am Gelinde 2 längst nicht mehr. Bereits 1805 wurde es zum Wohnhaus umgebaut. Untrennbar mit dem Haus verbunden ist aber die Geschichte eines seiner Besitzer, Hugo Overbeck, und seiner Geschäfte.

Aufruf in der Zeitung

Overbeck führte ein Schreibwarengeschäft in dem alten Fachwerkhaus. Und am 27. Februar 1901 nimmt die Volksbibliothek in seinen Räumen ihren Betrieb auf. Nur wenige Monate zuvor war der Volks­bibliothekverein Hattingen gegründet worden. In einem Aufruf in der Zeitung wirbt der, „die Bibliothek ist nicht nur ein Ort des Lernens, sondern soll auch zur Unterhaltung beitragen.“ Mitglied darf jeder ab 14 Jahren werden – gegen einen Jahresbeitrag von einer Mark, der in zwei Zahlungen aufgeteilt wurde. Dafür bekam der Bücherfreund ein „Leihheft“.

Der Verwalter der Bibliothek im Hause Overbeck hatte dafür Sorge zu tragen, dass die Bücher verschlossen gehalten wurden. Nur gegen die Ausgabe einer schriftlichen Quittung waren Bücher auszugeben. Außerdem musste genau verzeichnet werden, wer der Ausleiher war. Waren die Bücher nicht nach drei Wochen zurückgebracht, folgte eine Abmahnung und nach acht Tagen wurden sie mit dem Boten abgeholt – gegen eine Strafgebühr von 25 Pfennigen.

Doch so gut wie erhofft, kommt die Bibliothek beim Volk nicht an. „Die Zahl der Mitglieder und Zahl der Ausleihen sind zu wenig“, stellt der Verein acht Jahre nach seiner Gründung fest. 160 Mitglieder zählt der Volksbibliothekverein zu diesem Zeitpunkt, dazu 1170 Bücher und 5178 Ausleihen. Um die Nachfrage zu erhöhen, werden Wunschlisten angefertigt auf denen jeder seine Bücherwünsche äußern konnte, die dann angeschafft wurden. Offenbar wirkt die Maßnahme: ein Jahr später leihen 192 Mitglieder die 1843 Bücher 6084 Mal aus. Im September 1910 verlässt die Bücherei das Haus am Gelinde und zieht an die Heggerstraße, Ecke Roonstraße.

Der Familie Overbeck gehört das Haus noch heute. „Wir haben versucht, den Laden als Schreibwarengeschäft weiterzuführen“, erinnert sich Margret Overbeck (84), deren Mann Tierarzt war. „Aber da muss man einfach im Laden sein“, erklärt sie den Grund für den geschäftlichen Ausstieg. Seitdem wird das Ladenlokal im Erdgeschoss verpachtet.

Aktuell teilen sich Alfred Schulte-Stades Schultenhof-Laden und ein Biobäcker das Lokal. „Ich freue mich, dass das so gut angenommen wird“, betont Margret Overbeck. Und auch Schulte-Stade fühlt sich hier pudelwohl. Er hat für sein Geschäft vieles erneuern lassen: Gas, Wasser, die Elektrik. Der auch optisch noch alte Teil befindet sich versteckt unter den Füßen der Kundschaft. Er verrät, dass sich unter der Matte vor der Theke seines Ladens der einzige Zugang zum alten Gewölbekeller des denkmalgeschützten Hauses befindet. „Das wäre ein super Weinkeller“, lacht er. Tatsächlich befinden sich hier heute die Kühlanlagen des Geschäfts.

Ganz heimelig ist es dagegen im Wohnraum des vermieteten Obergeschosses, schwärmt Margret Overbeck. „Da knarren die Balken. Da zu sitzen ist wunderbar.“ Aber sie weiß auch: „Das Haus braucht viel Aufmerksamkeit, Pflege und Geld. Jetzt ist es in Schuss, aber wir müssen dranbleiben.“

Herrenwäsche, Wohnen und Tafeln im Fachwerk

Wo heute das Haus Gelinde 5 steht, wurde einst Gericht gehalten – und das mitten auf einer Wiese. An deren Rand befand sich eine Ein­zäunung, das Glind, der die Wiese als Versammlungs- und Gerichtsplatz kennzeichnen und schützen sollte und der Straße seinen Namen gab. Unklar ist, wann genau das Fachwerkhaus, das heute unter anderem das Restaurant Bänksken beherbergt, gebaut wurde. Noch im Jahr 1614 soll an dieser Stelle aber ein offener Platz gewesen sein, ­führte Heimatpfleger Heinrich Eversberg in seinen Schriften aus.

Fest steht unterdessen, dass das Gelinde 5 einst wie sein Gegenüber am Gelinde 2 Geschäfts- und vor allem Wohnhaus war. Die Geschwister Maas verkauften hier zwischen 1897 und 1938 „Putz, Mode und Herrenwäsche“. In einer Zeitungs-Annonce empfehlen sie „für Festgeschenke ihr großes Lager an Herrenwäsche, Kravatten, Unterzeuge, Hosenträger, Handschuhe usw.“ In der Abteilung Damen-Putz gab es Frauen-, Kinder- und Regenhüte und Damenschirme.

Im Obergeschoss befanden sich Wohnräume. „Ein Gast, der ein oder zweimal im Jahr kommt, hat mir erzählt, dass er früher hier gewohnt hat“, berichtet Biagio Giase, der seit mittlerweile 26 Jahren das Restaurant Bänksken betreibt. Inzwischen sieht es hier ganz anders aus. Ein Teil der Decke zwischen dessen zwei Etagen wurde entfernt, es entstand eine Galerie, die alten Holzbalken sind freigelegt. „Das wurde extra für die Gastronomie umgebaut“, ist Denkmalpfleger Jürgen Uphues sicher. Er berichtet außerdem, dass die Eintragung in die Denkmalliste vom Besitzer des Hauses selbst gewünscht wurde.

Und auch Giase liebt das urige Ambiente. „Es gibt hier so viele Erinnerungen. Das ist wie ein Museum“, schwärmt er. Die Holzbalken pflegt er alle paar Jahre mit einem speziellen Öl. „Das muss mal wieder gemacht werden“, überlegt er. Verändern möchte er aber nichts – lediglich auf ein paar Bilder von italienischen Filmstars an den Wänden besteht er, als Erinnerung an seine Heimat.