Vom Leben jenseits der Mauer

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Was wir bereits wissen
Der 1966 in Ostberlin geborene Karsten Berndt erzählte Waldstraßen -Schülern vom Alltag in der DDR. Anlass ist die Einweihung eines Original-Mauerstücks.

Hattingen..  In Ostberlin ist Karsten Berndt einst aufgewachsen; die Mauer, von der an diesem Mittwoch im Schulgarten des Gymnasiums Waldstraße ein Original-Teilstück offiziell eingeweiht wird, hatte er tagtäglich im Blick. Davon und vom Leben in der damaligen DDR erzählt er den Schülern an diesem Morgen, lässt diese die mit dem Mauerdenkmal verbundene Geschichte nach-, nein miterleben.

Es herrscht interessierte Stille unter den Neuntklässlern und den Schülern der Stufe Q 2, als Karsten Berndt mit seinem rund einstündigen Vortrag in der Aula beginnt. Er sei 1966 geboren, „fünf Jahre nach dem Bau der Mauer“, stellt er sich vor. Und sagt sogleich danach, dass er 1984 aus der DDR geflüchtet sei.

Dass man als Bürger der Deutschen Demokratischen Republik in einem undemokratischen, politischen System lebte, dass dieser Staat eine Diktatur war, das verdeutlicht der 48-Jährige, der heute in Essen lebt und ein Software-Unternehmen leitet, mit jedem Satz – indes ohne einen Ton der Anklage. Berndt erzählt einfach, was war: von der Pflicht, Russisch zu lernen. Von der Sportsichtung, infolge der er „täglich Eisschnelllauf trainieren musste“. Von der Möglichkeit, als Jahrgangsbester seiner Polytechnischen Oberschule zur Erweiterten Oberschule zu wechseln, dort das Abitur zu machen. Von der Lehre als Kfz-Mechaniker, die er stattdessen absolvierte („mein Vater hatte zum Glück nicht eingewilligt, dass ich nach dem Abi Offizier bei der Nationalen Volksarmee werde, aber damit war für mich alles vorbei“).

Er habe sich schon „als Zwölf-, Dreizehnjähriger völlig deplatziert gefühlt in der DDR“, sagt Karsten Berndt. „Mein Leben in diesem Staat war zwangsbestimmt.“

Im Sommer 1984 gelang ihm schließlich die Flucht, zusammen mit zwei jungen Frauen, die er ein paar Tage zuvor in einer Disco in Prag kennen gelernt hat – „dorthin konnte man als DDR-Bürger ohne Visum“. Ein Kumpel, erzählt er, wurde derweil geschnappt, kam ins Gefängnis. Wie er selbst ein Jahr später auch – nach Bautzen: Sein bester Freund hatte ihn, der inzwischen in Westberlin lebte, an die Stasi verraten; Berndt hatte dem Bruder zur Flucht aus der DDR verhelfen wollen. 1987 schließlich kaufte ihn die Bundesrepublik frei. Dass gut weitere zwei Jahre darauf, am 9. November 1989, die Mauer fallen sollte, „damit“, sagt Berndt, „habe ich nie gerechnet.“

Über ein Vierteljahrhundert später steht er neben einem Stück eben dieser Mauer, umringt von Waldstraßen-Schülern, bei denen sein Vortrag Eindruck gemacht hat. Berndt lächelt: Durch seine Erzählung als DDR-Zeitzeuge hat er ihnen das Mauerdenkmal in seiner Symbolik anschaulicher gemacht.