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Kinderarbeit

Steine aus dem Weg räumen

13.01.2010 | 18:25 Uhr

Stadt, Kirche und Jugend in Hattingen setzen sich für Jungen und Mädchen in Indien ein.

Sozialminister Karl-Josef Laumann ist in Indien unterwegs, um dort Kindern, die in Steinbrüchen schuften, die Brocken aus dem Weg zu räumen. Um aufzurütteln und zu mobilisieren, damit möglichst viele Verantwortliche durch Kinderarbeit entstandene Produkte links liegen lassen und statt dessen fair einkaufen. Eine Anstrengung, die Hattingen unterstützt. Mit verstärktem Einsatz. Von Kirche und Jugend. Aber auch der Stadt.

Mancher Bürger, der verstorbenen Angehörigen einen Grabstein setzen lässt, hat keine Ahnung, ob Kinderarbeit im Spiel war. „Beim Kauf muss sich jeder selbst informieren”, sagt Susanne Wegemann aus dem Presseamt der Stadt. Die Friedhofssatzung lege zwar Materialien fest, „nicht aber die Herkunft”.

Nachzufragen rät auch Paul Müller aus dem Agendabüro der Stadt. Nicht nur bei Grabsteinen, sondern auch beim Kauf von T-Shirts, Kaffee oder anderen Produkten. „Wir treten seit langem für fairen Handel ein”, sagt er, und für ebensolche Bedingungen.

Bei Steinen wünscht er sich noch bundeseinheitliche Kriterien, damit nicht jede Kommune Unterschiedliches festklopft, auch wenn sie Baumaterialien einkauft. Und verlässliche Zertifikate wie etwa bei Kaffee oder fair gehandelten Blumen. Mit ihnen als Voraussetzung plädiert Müller dafür, dass auch Städte nicht nur aufs Geld schauen, sondern Vorbildcharakter haben.

Kommentar
Zum Steinerweichen

Nur wer ein Herz aus Stein hat, kann billigend in Kauf nehmen, dass indische Kinder sich in Steinbrüchen abrackern.

Wie Paul Müller, der Agenda-Beauftragte der Stadt, so schön sagt: „Keiner hier will, dass sein Fünfjähriger Steine klopft.” Die Hände in Unschuld waschen, weil das bei uns schließlich nicht passiert?

Das wäre etwas einfach. Wenn man sich nicht den Schuh anziehen will, den Erich Fried hingestellt hat mit seinen Überlegungen: „Zu den Steinen hat einer gesagt: ,Seid menschlich'. Die Steine haben gesagt: ,Wir sind noch nicht hart genug'.”

Vielleicht auch noch nicht geizig genug. Denn „für umsonst”, wie uns die Werbung neuerdings einlullt, gibt es nichts. Weder Hirn noch Verantwortungsbewusstsein. Klare Kriterien und Zertifikate müssen her, an die sich dann auch die Stadt als Vorbild hält. Und jeder Einzelne als Verbraucher. Wenn schon nicht immer. Dann wenigstens immer öfter.

Brigitte Ulitschka

Untätig ist Hattingen nicht. Mit der Agenda 21, einem weltweiten Aktionsprogramm für das 21. Jahrhundert, hat sich die Stadt verpflichtet, natürliche Lebensgrundlagen (Ökologie), wirtschaftliche Stabilität und Entwicklung (Ökonomie) sowie soziale Gerechtigkeit (Soziales) zu sichern, lokale Handlungsprogramme zu beschließen und Bürger aktiv zu beteiligen. Dafür gibt es das Agendabüro.

Beteiligt haben sich erst im November Kirche und Jugend. Sie haben sich vor Ort mächtig ins Zeug gelegt beim Hungermarsch und anderen Aktivitäten zugunsten von Kindern in Indien. Thomas Haep von der Aktion 100 000 verweist auf Anbieter, die sich verpflichtet hätten, auf Kinderarbeit zu verzichten.

Auch er rät Käufern nachzufragen, woher das Material für Grabsteine stammt. Und ist überzeugt, dass viele bewusster einkaufen würden, wenn sie wüssten, dass die Preisdifferenz nicht so groß sei, wie mancher vermutet. Importierten Steinmetze Granit, sei der drei bis sechs Prozent teurer. Ein Grabstein von 1000 Euro würde 30 Euro teurer. „Viele Menschen würden den Betrag bestimmt gerne zahlen”, vermutet Haep, wenn sie dafür sicher sein könnten, dass Kinder nicht dafür arbeiten mussten.

Ob Hattingen Platten und anderes Material verbaut hat, bei dem eventuell Kinderarbeit im Spiel war, wo und wieviel, das kann Susanne Wegemann vom Presseamt der Stadt auf Anhieb nicht sagen. Sie glaubt auch nicht, dass Hattingen zu den 160 Kommunen gehört, die sich gegen Produkte aus ausländischer Kinderarbeit ausgesprochen haben. Laut Müller verbietet sie sich aus Agenda-Gründen.

Brigitte Ulitschka

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