Plötzlich 60 490 Einwohner

Vereidigung von Stadtdirektor Augstein durch Bürgermeister Brückner vom Dezember 1962.Foto:Stadtarchiv
Vereidigung von Stadtdirektor Augstein durch Bürgermeister Brückner vom Dezember 1962.Foto:Stadtarchiv
Was wir bereits wissen
Die Kommunale Neugliederung sorgte am 1. Januar 1970 dafür, dass die neue Stadt Hattingen entstand – zur alten Stadt kamen fünf Gemeinden hinzu.

Hattingen..  An Silvester 1969 steht vor dem Verbrauchermarkt in Welper ein schwarzer Sarg mit der Aufschrift „Blankenstein“, am Gemeindeamt wehen schwarze Fahnen auf Halbmast. Sichtbare Zeichen dafür, dass nicht jedem die tags darauf in Kraft tretende Kommunale Neugliederung gefällt, mit der die neue Stadt Hattingen „geboren“ ist. 60 490 Einwohner hat sie, ist 71,34 Quadratkilometer groß. Und neben der alten Stadt Hattingen sowie fünf Gemeinden des Amtes Hattingen-Land (Bredenscheid-Stüter, Oberstüter, Winz, Nieder- und Oberelfringhausen) gehört zu dem vom Landtag erschaffenen Verwaltungsgebilde eben auch die erst 1966 gegründete, wirtschaftlich potente Stadt Blankenstein – mit Welper, Buchholz, Holthausen. Von deren rund 17 000 Bürgern lehnen zahlreiche die Neugliederung bis zuletzt ab.

Dass der Weg des Zusammenwachsens „kein leichter“ werden würde, erklärte der erste Bürgermeister der neuen Stadt, Willi Brückner, allerdings ahnte er nicht, dass in den nächsten Jahrzehnten noch ganz andere Herausforderungen auf Hattingen zukommen.

Die 1970er Jahre: Hattingen zu einer modernen Mittelstadt zu gestalten – darin lag 1970 für Politik und Verwaltung die entscheidende Aufgabe, so Stadtarchivar Thomas Weiß. Und diese ging man zügig an. Neben der Zusammenführung dreier Verwaltungen, der Schaffung neuer Organisationsstrukturen, wurde auch die neue Stadt sichtbar entwickelt – u.a. mit der Erschließung von Neubaugebieten, des Gewerbegebiets im Ludwigstal, dem Bau des Zentralen Omnibusbahnhofes, der Ansiedlung von Karstadt. Und mit der Sanierung der historischen Altstadt (später auch des historischen Ortskerns Blankenstein). Stadtdirektor Hans-Jürgen Augstein sei beim Anstoß dieses Prozesses damals „die treibende Kraft“ gewesen, so Weiß. „Er hat wegweisend gedacht.“

Die 1980er Jahre: Kaum, da die Stadt Gestalt anzunehmen begonnen hatte, gab es eine wirtschaftliche Hiobsbotschaft nach der anderen: Die Draht- und Hanfseilfabrik Puth in Blankenstein meldete Konkurs an (1981), später wurde der Kampf um das Mönninghoff-Werk verloren (1984), schließlich gingen mit der Stilllegung des letzten Hochofens am 18. Dezember 1987 auf der Hütte endgültig die Lichter aus. In beeindruckender Solidarität hatte die Bevölkerung auf Massendemos mit bis zu 30 000 Teilnehmern bis zuletzt um die Arbeitsplätze gekämpft, vergeblich: Mehr als 4000 Stellen brachen binnen weniger Jahre weg. Das Schreckgespenst von der „sterbenden Stadt“ machte die Runde.

Die 1990er Jahre: Anstatt zu resignieren, mühten sich Politik und Verwaltung tatkräftig, den nun zwingend erforderlichen Strukturwandel einzuleiten. Neue Gewerbeflächen im Ludwigstal und am Beul wurden erschlossen, im zum Gewerbe- und Landschaftspark umgestalteten Hüttengelände gelangen die ersten Ansiedlungen moderner Betriebe (Quante, Wicke). Auch im Gesundheitssektor versuchte Hattingen sich zu positionieren, zudem die historische Altstadt weiter aufzuwerten.

Seit 2000: Die Eröffnung des Industriemuseums auf dem Hüttengelände (2000), der neuen Ruhrbrücke (2002), des Reschop Carrés (2009), die Kaufland-Ansiedlung im einstigen Karstadt-Gebäude (2013), die Inbetriebnahme der neuen Feuerwache am Wildhagen (2014): Einige wichtige Großprojekte wurden bereits realisiert. Trotzdem sieht Thomas Weiß den „Gestaltungsspielraum immer geringer werden“ angesichts der leeren Haushaltskassen. „Die Finanzlage bremst im Grunde aus.“