Offene Kirche als Zufluchtsort

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Was wir bereits wissen
Zweimal am Tag öffnen ehrenamtliche Helfer die Türen der St.-Georgs-Kirche für Gemeindeglieder, Touristen, Architektur-Liebhaber und Ruhesuchende.

Hattingen..  Wer will ihm nicht manchmal für einen Moment entfliehen, dem täglichen Alltagsstress? Seit zehn Jahren bietet die St.-Georgs-Kirche im Herzen der Altstadt als verlässlich offene Kirche die Möglichkeit, sich von der Hektik zu erholen. Am Sonntag wurde genau das in einem gut besuchten Festtags-Gottesdienst mit anschließendem Empfang gebührend gefeiert. Denn allein im vergangenen Jahr öffneten die fast 50 ehrenamtlichen Helfer rund 55 000 Besuchern die schweren Holztüren der alten Kirche.

Um als „verlässlich offene Kirche“ anerkannt zu sein, muss ein Gotteshaus an mindestens vier Tagen pro Woche geöffnet sein – St. Georg öffnet seine Pforten sogar jeden Tag (Mo. bis Sa. 10.30 bis 12.30 Uhr und 15 bis 17 Uhr, So. 15 bis 17 Uhr). Pfarrer Udo Polenske bezeichnet die offene Kirche als einen Ort, an dem man zur Ruhe kommen kann.

Er erinnert sich an einen Mann, der beim Betreten des Gebäudes niemanden eines Blickes würdigte. „Schnurstracks steuerte er in Richtung Kerzen, zündete ein Licht an und nahm auf einer der Bänke Platz“, erzählt er. Beim Verlassen der Kirche kurze Zeit später habe er ein freundliches Lächeln auf den Lippen gehabt.

Andere würden an einem heißen Sommertag die angenehmen Temperaturen genießen, die zwischen den kühlen Mauern herrschen, so Polenske.

Vor Schichtbeginn zündet Kurt Herbold meistens eine Kerze an. Manchmal nimmt er sich ein Buch oder eine Zeitung, knöpft den Wintermantel bis oben hin zu und setzt sich in eine der Holzbänke in der St.-Georgs-Kirche. Dort bezieht er seit acht Jahren einmal in der Woche Posten. „Es kommen sowohl Familien mit Kindern als auch Paare, die sich gerne hier trauen lassen möchten. Einige sind daran interessiert, mehr über die Geschichte zu erfahren, andere nutzen die Zeit, um zu beten und Stille zu finden“, so Herbold. Die schönsten Worte, die ihm die Besucher sagen können, sind: „Danke, dass Sie die Kirche auf­machen.“

„Manch ein Gast bittet mich um meine Zeit“, sagt Eva Nüfer. Einige wollen in der Kirche auf eine Entdeckungsreise durch die Vergangenheit gehen, zeigen Interesse an der Architektur und Kunst. Ein extra für diesen Zweck angefertigtes Flugblatt hilft, sich auch allein in der Kirche zurecht zu finden. Andere suchen einen Zuhörer, jemanden, dem sie ihre Sorgen anvertrauen und den sie nach Hilfe fragen können. „Für solche Fälle habe ich immer Adressen und Telefonnummer bereit, an die ich weitervermitteln kann“, so Nüfer.

„Wir haben auch oft internationale Gäste“ sagt sie mit Blick auf das Anliegenbuch. „Fast jeden Tag tragen Kirchenbesucher ihre Wünsche und Hoffnungen ein. Ab und zu auch in fremden Schriften.“