Not am Mann, Frauen ran

Kolleginnen und Kollegen auf der Spur: Kleine Besuchergruppe, großes Interesse bei der Themenführung im Industriemuseum Henrichshütte.
Kolleginnen und Kollegen auf der Spur: Kleine Besuchergruppe, großes Interesse bei der Themenführung im Industriemuseum Henrichshütte.
Foto: Fischer / Funke Foto Services
Was wir bereits wissen
Die Themenführung „Kolleginnen und Kollegen“ wirft einen anderen Blickauf das Arbeitsleben auf der Hütte. Eine reine Männerwelt war das nicht

Bei einem Rundgang über das Gelände der Henrichshütte lernten Dennis Kröll und Natascha Rowsic das Stahlwerk aus unterschiedlichen Perspektiven kennen. Ausgestattet mit festem Schuhwerk und Regenschirmen trotzten die einzigen Teilnehmer der Themenführung „Kolleginnen und Kollegen“ am Sonntag Wind und Wetter. „Uns verbindet nichts persönlich mit dem Thema, wir finden alles spannend, was sich um die Hütte dreht“, erzählt Rowsic.

Er hatte gleich eine Frage: Hat es sich auf der Hütte um reine Männerwelt gehandelt? „Keinesfalls“, antwortete Museumspädagogin Ute Senger. Und sie muss es wissen, denn vor 40 Jahren hat sie auf der Hütte den Beruf der Technischen Zeichnerin erlernt.

„Mit der Schreibmaschine kamen die Frauen auf die Hütte“, erzählt die Ingenieurin vorab. Vorwiegend arbeiteten sie in Büros, wie Senger als Technische Zeichnerinnen, oder als Kauffrauen. Anfangs seien die Frauen angelernt worden, später wurde die Büroarbeit zum Ausbildungsberuf. „Das war zur Zeit des Nationalsozialismus, zwei Jahre dauerte die Lehre. Eine bessere Stelle bekamen die Frauen im Gegensatz zu den Männern nicht.“

Zu Kriegszeiten und in den Jahren des Wiederaufbaus waren die Arbeitskräfte knapp. Was blieb den Vorgesetzten also anderes übrig, als an Stelle der fehlenden Männer Frauen einzustellen? Frauen waren immer wieder Reservearbeitskräfte, auf die zurückgegriffen wurde, wenn nicht genügend Arbeiter zur Verfügung standen.

So hielten im Ersten und Zweiten Weltkrieg neben Zwangsarbeitern und Kriegsgefangenen Frauen aus der einheimischen Bevölkerung den Hüttenbetrieb aufrecht. Ganz nach dem Motto: Not am Mann, Frauen ran.

„Was den Frauen am technischen Verständnis fehlt, machen sie durch Gefühl wieder wett“, schrieb die Werkszeitung nach dem Zweiten Weltkrieg.

Verdiente Ruhe für den Vater

„Frauen waren immer in der Minderheit“, muss Ute Senger zugeben, als sie den Rundgang im trockenen und warmen Museumsgebäude beginnt. Sie erzählt von einer Zeit, in der die Rollen von Männern und Frauen zwischen Hüttenarbeiter und Hausfrau (scheinbar) klar verteilt waren. „Die Arbeit am Hochofen hat das Familienleben ganz klar beeinflusst“, so Senger. Wenn die Männer Nachtschicht hatten, hätten die Frauen am Tage die Kinder ruhig halten müssen, sich gemeinsam mit ihnen bei den Schwiegereltern einquartiert, um dem Familienvater die verdiente Ruhe zu gönnen und genügend Schlaf zu ermöglichen.