Neugotisch mit Fußbodenheizung

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Was wir bereits wissen
Die evangelische Kirche in Niederwenigern wird in diesem Jahr 140 Jahre alt. Das Denkmal und seine Gemeinde ertrugen in dieser Zeit einige schiefe Töne.

Hattingen..  „Wenn schon neugotisch, dann aber auch richtig“, war die Devise beim Kirchbau in Niederwenigern. Das erklärte Helmut Engels, einst Organist und Kenner der Kirche, schon bei der Feier zum 125-jährigen Bestehen des evangelischen Gotteshauses am Justinenweg. Inzwischen steht der Bau fast 140 Jahre und hat Einiges erlebt: Glockengeläut vom Tonband, den Aus- und Wieder-Einzug der Orgel und auch den Wandel von kalten zu warmen Füßen der Gottesdienstbesucher.

Am 28. Juli 1875 wurde die evangelische Kirche in Niederwenigern eingeweiht – und damit 268 Jahre nachdem die Gemeinde gegründet worden war. Eine erste eigene Kirche, die aber eher einer Scheune ähnelte, entstand 1751. Ein Glocke gab es nicht, denn die hätte das Dach gar nicht tragen könne. Zum Gottesdienst und bei Beerdigungen läutete die Glocke der katholischen Mauritiuskirche – gegen eine Gebühr für den Küster.

Wasseranschluss und warme Füße

Baubeginn für die heutige Kirche war im Jahr 1872. Dabei mussten sich die Baumeister an Vorgaben der Berliner Oberbaudeputation für Kirchen-Neubauten im neugotischen Stil halten – wenn schon neugotisch, dann auch richtig.

„Die Bausteine werden unterhalb der Isenburg abgebrochen, auf Lastkähnen die Ruhr hinunter bis zum Kempel befördert, auf Pferdefuhrwerke umgeladen und dann den Hohlweg hoch bis zum Bauplatz geschafft“, erinnert sich Engels in einer Festschrift zum Kirchenjubiläum.

30 660 Mark flossen in den Kirchbau zu Niederwenigern. Allein 6000 Mark davon hatte der Bruder des Pfarrers Friedrich Schulte und Miteigentümer mehrerer Zechen, Carl Schulte, gespendet. Und auch gute 100 Jahre später ging die Gemeinde wieder auf Spendensuche: 315 000 D-Mark musste sie 1979 für die Renovierung aufbringen, dazu gab es Zuschüsse – 400 000 D-Mark kostet die Erneuerung insgesamt.

Dafür gab es danach „erstmalig seit 100 Jahren einen Wasseranschluss“, freute sich Pfarrer Hartmut von Hackewitz. Und warme Füße für die Gottesdienstbesucher in der einst besonders fußkalten Kirche: Unter dem neuem Fußboden aus roten Sandsteinplatten verbarg sich eine Fußbodenheizung.

Vier Jahre später setzten die Glocken der Bausubstanz so zu, dass erneut saniert werden musste. Durch die von ihnen verursachten Vibrationen bröckelte die Fassade des alten Gebäudes bedrohlich. Zwei Jahre lang durften die Glocken nicht schwingen. Geläut gab es trotzdem – vom Tonband. Denn in seinem Privatarchiv hatte der Pfarrer eine Aufnahme des Ostergeläuts gefunden.

Misstöne durch Sägearbeiten

Was den richtigen Klang angeht, scheint die evangelische Gemeinde in Niederwenigern kein Glück mit ihrer Kirche zu haben. Denn nur wenige Jahre später pfiff die Ibach-Orgel mit 15 Registern aus dem letzten Loch. Nicht zu überhören war das Geklapper, wenn Organist Helmut Engels ein Pedal trat, die Pfeifen waren verstimmt und begleitet vom Säuseln der Luft, die ständig aus dem Balg entwich. Ein Jahr lang wurde die Orgel auf Vordermann gebracht und im Jahr 1990 schließlich wieder eingebaut – mit einer kleinen elektrischen Orgel überbrückte Engels die Zeit.

Zuletzt sorgten 2012 Sägearbeiten für Misstöne. Die Kirche brauchte einen zweiten Fluchtweg. Den bekam sie in Abstimmung mit dem Denkmalschutz, auch wenn sich das Gemäuer nach Kräften wehrte. „Die Mauern sind 60 Zentimeter dick und mussten mehrere Tage mit einer speziellen Säge bearbeitet werden, damit eine Tür eingesetzt werden konnte“, erklärte Architekt Torsten von Rhein. Jetzt könnte das Gotteshaus aber eigentlich noch einmal einhundert Jahre halten – die Gemeinde, die so viel investiert hat, würde es sicher freuen.