Nachtclub-Stimmung und Handywork in Hattingen

Foto: FUNKE Foto Services
Was wir bereits wissen
Jazzline lockt 1400 Besucher bei Nacht der Industriekultur aufs Hüttengelände. Jerry Lu Trio und das Igor Zavatckii Trio bieten dem Publikum eigene Kompositionen und ein buntes Jazz-Panorama.

Hattingen..  Jazzline in Hattingen ist zu einem festen Bestandteil sowohl im Programm des Klavierfestivals Ruhr als auch der Extraschicht, der Nacht der Industriekultur auf dem Gelände der Henrichshütte geworden. Am Samstagabend präsentierten das Jerry Lu Trio und das Igor Zavatckii Trio mehr als 1400 Besuchern mit Klassikern, aber auch eigenen Kompositionen ein buntes Jazz-Panorama.

Mit seinem Stück „Alice’s Song“, entstanden für ein „Alice in Wonderland“-Projekt nach dem Roman von Lewis Carroll, beschwört Pianist Igor Zavatckii zusammen mit Bassist Caspar van Meer und Schlagzeuger Dominic Brosowski den Zauber der in sich versunkenen Nachtclub-Stimmung der 1940er Jahre. Immer intensiver wühlt sich Zavatckii am Flügel in seine Melodie hinein, ohne dass diese ihren träumerischen Charakter verliert.

Ruhige, durchlaufende Rhythmen prägen auch den Song „Why not“ mit seinen versonnenen Melodiefragmenten am Klavier, stimmungsvoll untermalt von verhaltenen Akzenten des Schlagzeugs. Zavatckiis klarer Anschlag mit seiner unmerklichen, scheinbar unbemühten Präzision verzaubert auch in seiner Komposition „Valence Valse“: Die leise verhaltene Klaviermelodie gewinnt zunehmend an Intensität, verstärkt durch die Akzente von Bass und Drums.

Stilelemente des französischen Impressionismus zitiert Caspar van Meers Stück „For Erik“, als Hommage an Eric Satie komponiert. Schwerelos treiben melodische Fragmente vor sich hin und setzen Impulse für neue, in sich kreisende musikalische Gedanken. Heißer Jazz ist Zavatckis „Handywork“, eine Reminiszenz an den Swing evoziert van Meers Arrangement des Beatles-Songs „Fool on the Hill“, leise verhalten und doch voll glühenden Gefühls.

Neuer Stil in neuem Set

Einen ganz anderen Stil zeigt das Jerry Lu Trio mit Bassistin Caris Hermes und Schlagzeuger Niklas in seinem zweiten Set: Unruhig-bewegt und flippig ist Lus Nummer „Right on Time“, quirlig perlen seine Themen am Klavier; auch „First Meeting“ lebt aus dem Zusammenspiel des markanten, durchlaufenden Off-Beat Rhythmus und der sich in gestochen klaren, hektischen Tönen überstürzenden Melodie. Elegische Töne schlägt er dagegen mit seiner Ballade „When will you be back“ an; träumerisch, in weichen Konturen gestaltet er seine Melodie, untermalt von verhaltenen Drums.

Die Welt des Swing lässt Jerry Lu in seinem dem Pianisten David Haseltine gewidmeten Song „For Bill“ mit seinem fesselnden Wechselspiel zwischen Klavier und Schlagzeug lebendig werden; nostalgisch, mit manchmal schon schmerzhaft wehmütigen Klangfarben und doch nahezu schwerelos interpretiert er George Gershwins „Embraceable You“. Mit „Sweet und Lovely“ und Cole Porters „So in Love“ aus dem American Songbook ließ das Jerry Lu Trio einen faszinierenden Ausflug in die Welt des Jazz ausklingen.