Mit Platten übers Kopfsteinpflaster

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Was wir bereits wissen
Peter Merschhemke wurde der Reifen seines Elektro-Rollstuhls zerstochen. MS-Kranker klagt über fehlende Hinweisschilder, Toiletten und Geländer.

Hattingen..  „In Hattingen gibt es laut Behindertenforum 100 MS-Kranke“, sagt Peter Merschhemke, „wo sind die?“ Fragend schaut er sich auf dem Kirchplatz um. Er ist einer von ihnen. Mit den anderen hat er sich nicht verabredet. Der 62-Jährige findet nur, dass behinderte Menschen nicht oft auftauchen im Straßenbild. Ihm könnte das nicht passieren: „Ich gehöre zum Straßenbild dazu.“ Auch beinamputierte Menschen sehe man selten, sagt er.

Im Moment sitzt der Hattinger neben einem, Rollstuhl an Rollstuhl, hält einen Plausch mit dem Mann vor dem Haus der Diakonie. Das Altenheim steuert er gern an. Wenn er mal nicht mehr alleine wohnen könne, will er hier leben. Das Haus sei behindertengerecht. Am Eingang vorne öffnet sich die Tür automatisch, hinten könnte er sie, auch wenn sie nicht geschlossen wäre, vom Rollstuhl aus nicht aufziehen.

Dass es regnet, stört ihn nicht weiter. Jahrelang ist er nach Sylt gefahren. „Ich habe wetterfeste Kleidung“, sagt der Hattinger. Einen Schirm braucht er nicht. Der Hut hält das Wasser ab, die Jacke auch. Nur an den Füßen ist es etwas zugig. „Ich bekomme keine Schuhe an.“ Das habe aber mit der Durchblutung, nicht etwa mit seiner Multiple Sklerose zu tun.

Vor zwei Jahren hat er die kleine Holzbrücke am Hinterausgang seines Hauses noch mit dem Stock überqueren können. Seit ein paar Wochen sitzt er im Elektrorollstuhl. Eine feine Sache eigentlich, die keine Muckis erfordert. Damit kommt er sogar die Bredenscheider Straße hoch bis zum Evangelischen Krankenhaus, an dem er kritisiert, dass es nicht genügend Behindertentoiletten dort gebe.

Im Moment würde sich das Gefährt mit der Steigung vielleicht aber auch schwertun. Der Rollstuhl macht Geräusche, als würde die Batterie gleich den Geist aufgeben. „Du hast einen Platten“, zeigt außerdem ein Bekannter auf den hinteren Reifen. „Du bist heute schon der Siebte, der mir das sagt“, erwidert Merschhemke. Die Firma hat es noch nicht geschafft, den Schaden zu beheben. Das Gummi klatscht aufs Kopfsteinpflaster. Auf den Kirchplatz führt der Hattinger, weil er sich darüber ärgert, dass es zwar einen Zugang ohne Treppen dorthin gibt, dieser für Ortsunkundige aber nicht ausgeschildert sei.

Vor kurzem sei ihm der Reifen zerstochen worden. Merschhemke musste sich schon mehrmals mit dem Taxi nach Hause bringen lassen, weil er mit dem Stuhl nicht mehr weiterkam. In Blankenstein beispielsweise seien Wege so zugewachsen, dass er auch mit Taschenlampe nicht weiterkam. Viel Hilfsbereitschaft hat er in kniffligen Situationen erlebt, „besonders von ausländischen jungen Leuten“. Er ist aber auch schon abgeblitzt in einem Lokal, das er gerne aufgesucht hat, in dem er aber wegen der anderen Gäste nicht mehr willkommen gewesen sei. Bei anderen moniert er, dass Geländer zum Festhalten fehlten.