Mein schlimmstes Kriegserlebnis

Foto: Fischer
Was wir bereits wissen
70 Jahre Kriegsende: Unser Autor Gerhard Wojahn schreibt über seinen letzten Tag mit den Kameraden der Flak-Batterie am 11. April 1945.

Hattingen..  Unsere Flakeinheit setzte am 11. April 1945 mit rund hundert Soldaten den Marsch vom Dorf Jembke mit für uns unbekanntem Ziel in Richtung der Stadt Wittingen fort. Dieser Tag am Rande der Lüneburger Heide wurde zu meinem schlimmsten Kriegserlebnis.

Nach zwei Stunden erreichten wir das Dorf Ehra im Landkreis Gifhorn. Dort waren die Straßen wie leergefegt. Die Bevölkerung saß in den Kellern und wartete auf den Einmarsch der Alliierten-Truppen. Eine Kreuzung in der Dorfmitte passierte eine deutsche Werfer-Batterie mit mehreren Spezial- Fahrzeugen. Von der Besatzung wurde uns zugerufen: „Die Amis sind nicht mehr allzu weit hinter euch, aufpassen!“

Unsere Truppe zog im gewohnten Gänsemarsch auf der schnurgeraden Landstraße. Ich war der Vorletzte der Marschkolonne, der Obergefreite Felix Köhler bildete das Schlusslicht. Wie ein Blitz aus heiterem Himmel Motorengeräusch und sogleich ein Tieffliegerangriff auf unsere Truppe. Ich sprang in den Graben und nahm volle Deckung. Mein Gedanke: „In der nächsten Sekunde kannst du tot sein“. Eine Bombe schlug direkt neben mir ein und riss einen Krater in die Böschung. Ich war im Moment taub, hörte und sah nichts mehr und war total verschmutzt.

Die Maschinen flogen einen Bogen und griffen unsere Gruppe ein zweites Mal an. Nach zwei Minuten war der Angriff beendet. Köhler und ich wurden – Gott sei Dank – nicht verwundet. Ein heilloses Durcheinander auf der Straße. Der 34jährige Obergefreite behielt einen klaren Kopf und sagte mit erregter Stimme zu mir: „Wir beide setzen uns hier jetzt ab und robben in den Wald.“ Mir schossen Begriffe durch den Kopf, wie Feigheit vor dem Feind, Fahnenflucht, Selbstaufgabe? In der Belehrung vor dem Fahneneid hieß es, dass Deserteure sofort standrechtlich erschossen oder am nächsten Baum aufgehängt werden.

Köhler und ich erreichten nach Überqueren des freien Feldes das erste Haus im Dorf Ehra. Eine größere Kolonne alliierter Kettenfahrzeuge kam auf Ehra zugefahren. Die Dieselmotoren dröhnten, eine blaue Abgaswolke über dem Pulk war deutlich zu sehen. Ich klopfte mehrfach an die Eingangstür des ersten Wohnhauses. Eine verängstigte Frau öffnete und sagte: „Ach, ihr seid ja noch die Deutschen. Hier im Hause könnt ihr nicht bleiben. Versteckt euch nebenan in unserem Garten!“ Felix und ich liefen um das Haus und sahen den Garten. Stachel- und Johannisbeersträucher standen neben den Furchen. In diese Gartenfurchen legten wir uns flach auf den Erdboden, die Karabiner daneben und warteten nun auf den Einmarsch der amerikanischen Truppen. Ich betete vor mich hin, bat um einen Schutzengel und erhoffte für uns beide viel Glück für die nächsten Minuten.

Unmittelbar danach fuhren acht bis zehn Panzer mit begleitender und aufsitzender Infanterie über die Straße. Vom Widerstand deutscher Truppen war nichts zu merken. Dann blieb ein Panzer genau vor uns am Gartenzaun stehen. Nach wenigen Sekunden stand Felix auf und sagte, komm los, Karabiner und Munition liegen lassen! Mit erhobenen Händen und schlotternden Knien, zitternd und voller Angst kletterten wir die Böschung hinauf zur Straße. Die Amis richteten ihre Waffen auf uns, vier Infanteristen stellten sich um uns herum. Kriegslärm, das Brummen der Panzermotoren, Kanonendonner und Maschinengewehrsalven füllten die Atmosphäre. Aber es fiel in diesem Augenblick kein Schuss. Von jetzt an waren wir in amerikanischer Kriegsgefangenschaft; Zeitpunkt: 11. April 1945, 15:00 Uhr.

Den Augenblick der Gefangennahme möchte ich als meine Stunde Null bezeichnen. Am 11. April jeden Jahres könnte ich meinen zweiten Geburtstag feiern.

In Kriegsgefangenschaft

Zwei GIs richteten ihre Maschinenpistolen auf uns, ein dritter nahm die Leibesvisitation vor. Ein Offizier fragte mich auf Deutsch „Wie alt bist du?“ Dann fuhr ein offener Lastkraftwagen am Straßenrand vor, auf dem schon einige Gefangene standen. Unser Zustieg wurde befohlen.

Am Ortseingang Boitzenhagen kam uns eine Gruppe von etwa 20 Personen entgegen. Offensichtlich waren es KZ-Häftlinge, die soeben aus einem nahe gelegenen Lager befreit wurden. Alle befanden sich in einem bedauernswerten, furchterregenden Zustand. Einer aus der Gruppe hielt unseren Lkw an und sprach mit den Begleitern. Dann zeigte jemand auf mich und bat den Wachtposten, ihm meinen Mantel zu überlassen. Ich tat, was mir befohlen wurde.

Im Hof der Volksschule in Radenbeck mussten wir uns auf den Erdboden setzen, den ganzen Tag noch nichts gegessen oder getrunken. Ich war ausgehungert, durstig und total fertig. Die letzten tausend Meter Fußweg mit erhobenen Händen hatten mich an den Rand der völligen Erschöpfung gebracht. Jetzt galt es, nicht nachzudenken, sich keine Vorwürfe zu machen, sondern nur geradeaus vorwärts schauen.

Plötzlich stürmten mehrere amerikanische Soldaten in die Klassenzimmer, sprangen über Tische und Bänke, zerschlugen die Fensterscheiben und feuerten mit Maschinenpistolen wild in den Schulgarten. Dort hielten sich tatsächlich verstreute deutsche Soldaten auf.

Am nächsten Tag bei einem Appell der Kriegsgefangenen fragte ein Ami: „What time is it?“ – „Five o’clock“, kam die Antwort von zwei Gefangenen. Schnell hatte der Ami diesen Männern die Uhren abgenommen. Ich dachte, haben es Amerikaner überhaupt nötig, Angehörige der geschlagenen deutschen Armee so auszutricksen? Aber es war Krieg und die Sieger nahmen sich die Freiheit heraus, auf diese Art Kriegsbeute zu machen.

Auch am Tag nach der Gefangennahme gab es immer noch gar nichts zu essen. Im Flur des Schulgebäudes war ein Wasserzapfhahn, wo jeder einmal trinken durfte.

Am dritten Tag in amerikanischem Gewahrsam fuhren mehrere Lkw an der Schule vor, die uns nach Gifhorn auf ein Werksgelände transportierten. Dort saßen wir nun, vermutlich eine ehemalige Glasfabik, auf rostig-staubigem Erdboden. Ein einziger Wasserhahn spendete mehreren hundert Menschen das Getränk. Wer nun glaubte, jetzt etwas zu essen zu bekommen, der irrte. Zum Glück hatte ich nach dem Angriff im Wald das Kochgeschirr eines Wehrmachtsangehörigen gefunden und behalten können. Felix und ich fuhren mehrmals am Tage heimlich mit dem Finger ins Kochgeschirr und leckten am Schweineschmalz. Es war nicht viel, aber es hielt uns über Wasser.