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Kost und Logie für 1,10 Mark

19.02.2010 | 16:56 Uhr

Das Gebäude in dem sich heute das Hotel befindet, blickt auf eine 105-jährige Geschichte zurück.

Es gibt sicherlich ungemütlichere Adressen als die Welperstraße 49. Denn dort befindet sich seit 1990 das mit drei Sternen ausgezeichnete Avantgarde-Hotel, das Roland Stumpf heute als Geschäftsführer leitet. Aber: Die ersten Gäste, die dort übernachteten, kamen bereits 85 Jahre früher.

Es handelte sich dabei aber ausschließlich um ledige Arbeiter von der Henrichshütte. Für 300 von ihnen ließ der Kasseler Lokomivfabrikant Karl Henschel, der 1904 das Werk übernahm und modernisierte, eine Menage bauen, die später als Ledigenwohnheim bekannt oder auch als „Bullenkloster” berüchtigt wurde. Diesen Namen trug das Wohnheim nämlich im Volksmund. Er spielt auf die häufig raue Umgangsform der Einwohner untereinander an. Anders formulierte es die Hattinger Zeitung in einem Artikel im Dezember 1961: „Zu der Verwaltung hat stets eine starke Hand gehört, da bei der Vielzahl der Charaktere und Temperamente manches zu ordnen war.”

Und so lebten die unverheirateten Hüttenarbeiter zu beginn: in Acht-Bett-Zimmern für 1,10 Mark (Goldmark) pro Tag. Im Preis inbegriffen waren neben der Wohnung auch Heizkosten, Beleuchtung und Beköstigung. Die Hüttenleitung achtete nach eigenen Angaben scharf darauf, „dass nur beste Lebensmittel verwendet werden und deren Zubereitung mit peinlichster Sauberkeit erfolgt.”

Von diesem Luxus konnten jene, die ab Winter 1942/43 an der Welperstraße 49 gemeldet waren, nur träumen. Dieselbe Adresse trug nämlich die damals nebenan errichtete Baracke, in der 100 Strafgefangene untergebracht wurden. Fünf starben zwischen Februar 1943 und Januar 1945.

Die weitere Geschichte des Ledigenheims verläuft ins Nichts. So ist unbekannt, wann der letzte Arbeiter aus dem Haus auszog. 1983 spielte die Uni Bochum kurzzeitig mit dem Gedanken, das bereits leerstehende Gebäude zu Studentenwohnungen umzubauen. Doch daraus wurde nichts. Dafür realisierte der Hattinger Helmut Hans seine Pläne. Er kaufte das Ledigenheim für drei Millionen Mark und baute es für zehn Millionen Mark zum Hotel um. Zum Vergleich: 234 000 Mark kostete Henschel im Jahr 1905 der komplette Neubau.

Oliver Bergmann

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