AWO
Kein gutes Haar an KiBiz
10.02.2010 | 17:46 Uhr 2010-02-10T17:46:00+0100Belegschaftsversammlung der AWO EN: Kinderbildungsgesetz erregt immer noch die Gemüter.
Das Thema ist brisant. 130 Mitarbeiter der Arbeiterwohlfahrt (AWO) aus dem Ennepe-Ruhr-Kreis kamen zur Teilbelegschaftsversammlung zum auch anderthalb Jahre nach seiner Einführung umstrittenen KiBiz-Gesetz.
„Es macht uns sprachlos, dass ja doch offensichtlich alle wussten, was da auf uns zukommt und man lässt uns so reinrasseln.” Sigrid Schulte vom AWO-Familienzentrum Gevelsberg ist erschüttert und der Applaus in der Aula des Von-Schemm-Hauses der AWO in Gevelsberg ist ihr sicher. Sigrid Schulte und ihre Kollegen fühlen sich hilflos. Nichts, keine Postkartenaktion, nicht der Rat der Erziehungswissenschaftler und auch nicht die Demonstrationen vor dem Düsseldorfer Landtag, hatte 2008 verhindert, dass die schwarz-gelbe Mehrheit im Länderparlament das Kinderbildungsgesetz (KiBiz)verabschiedete.
Ein Gesetz, das Jochen Winter, AWO-Geschäftsführer im Ennepe-Ruhr-Kreis, schon bei seiner Entstehung als „Mumpitz” kritisierte. Die Folgen müssen Eltern, Kinder und Erzieherinnen vor Ort tragen. Sie sind beträchtlich: Personalabbau bei gleichzeitigem Ausbau der Öffnungszeiten und der Betreuung der unter Dreijährigen. Hinzu kommt der Ruf nach mehr Sprachförderung für deutschsprachige Kinder und solche mit Eltern, die ihre Wurzeln im Ausland haben. Pädagogen balancieren auf dem schmalen Grat zwischen der Wirklichkeit in ihren Einrichtungen und dem Anspruch des Gesetzes auf dem Papier.
Ramona Coswig, Leiterin des AWO-Familienzentrums Schwelm, gab einen Einblick in die tägliche Arbeit und sparte nicht mit Kritik an dem Gesetz, das der zuständige Minister Armin Laschet als „lernend” bezeichnet. Die Betreuung von unter Dreijährigen sei bei der jetzigen Gruppenstärke mit nur zwei Erzieherinnen nicht zu schaffen. „Einer macht sich immer unaufgefordert in die Hose, essen müssen und sollen alle, aber das alles steht nicht in dem Papier”, rief die Erzieherinnen ihren Kolleginnen und Kollegen zu.
Auch Ulla Wacker, AWO- Bereichsleiterin Kinder und Familie, ließ kein gutes Haar am KiBiz. Vor allem die Kopfpauschale, die die frühere Gruppenpauschale abgelöst hat, habe alles „ordentlich durchgeschüttelt”. Fehle ein Kind einen Tag, fehlen damit finanzielle Mittel. Jochen Winter bestätigt: „Ich habe noch nie eine Pauschale so spitz abrechnen müssen wie diese”. Außerdem erreiche das neue Gesetz mitnichten das Ziel einer besseren Betreuungsquote. NRW liege hinter anderen Bundesländern zurück. Auf der Strecke blieben Kinder, Eltern und Erzieherinnen.
Ein „echtes Kinderbildungsgesetz” fordert Landtagsabgeordneter Rainer Bovermann. 243 Millionen, so der Vorsitzende der Enquetekommission „Chancen für Kinder. Rahmenbedingungen und Steuerungsmöglichkeiten”, seien nötig, um die Forderungen der SPD zur Frühförderung zu erfüllen: Erhöhung der Kopfpauschale, kostenloses letztes Kindergartenjahr, Aufstockung der Gehälter und verstärkte Qualifizierung der Erzieher. 243 Millionen, „ein Klacks”, so Bovermann, „allein das Wachstumsbeschleunigungsgesetz verschlingt ein Vielfaches dieser Summe”.
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