Kanal-Unternehmen klagen an
17.01.2012 | 17:14 Uhr 2012-01-17T17:14:00+0100
Hattingen. Die Politik sei schuld, dass Teile der Branche keine Aufträge mehr bekämen. Fehlinvestitionen auch bei Hattinger Firma.
„Das Thema ist hochbrisant“, schnauft Dieter Theis in den Telefonhörer und macht seinem Ärger Luft. Weil Hausbesitzer zukünftig nicht mehr dazu verpflichtet sein sollen, ihre Abwasserkanäle auf Dichtheit zu prüfen, sieht der Geschäftsführer der Kanalservice NRW GmbH die gesamte Branche in Gefahr.
Hintergrund: Bislang waren Hausbesitzer nach Paragraf 61a des Landeswassergesetzes in NRW dazu verpflichtet, bis 2015 ihre Kanäle auf undichte Stellen überprüfen zu lassen. Dabei herrschte zu diesem Thema innerhalb der Parteien weitestgehend Konsens.
Weil nicht nachgewiesen werden könne, dass wirklich viele Rohre beschädigt sind, und um Hausbesitzer vor den Prüfungskosten (etwa 300 bis 500 Euro) zu schützen, haben CDU und FDP zuletzt einen neuen Kurs eingeschlagen.
Dieter Theis vermutet hinter dem Vorgehen Kalkül. „Es geht hier vermutlich nur um Wählerstimmenfang.“ Der Geschäftsführer der Bochumer Kanalfirma glaubt, die Parteien würden dem Druck nachgeben, „den eine Bürgerinitiative aus einer Handvoll Prüfungsgegnern seit einiger Zeit auf sie ausübt“. Theis selbst hat sich längst mit rund 2000 Unternehmen der Branche zusammengeschlossen, um notfalls auch rechtliche Schritte einzuleiten. „Es wird geprüft, ob die verantwortlichen Politiker oder die zuständigen Institutionen strafrechtlich, etwa wegen Beihilfe zur Umweltverschmutzung, belangt werden können“, so Theis. Nach eigenen Angaben müsse die Kanalbranche durch die zu schnell geänderte Gesetzgebung jetzt Fehlinvestitionen in Höhe von mindestens 149 Millionen Euro tragen. Pro Firma in NRW seien dies etwa 65 000 Euro.
Vom Kippen des Gesetzes betroffen ist auch die Hattinger Kanalreinigungsfirma Stracke. „Wir haben seitdem sehr viele Aufträge stornieren müssen“, erzählt Geschäftsführerin Marion Madela. „Vor der Änderung hatten wir ein bis zwei Anfragen für Dichtheitsprüfungen täglich. Jetzt kommt gar nichts mehr rein“. Auch die Firma Stracke hat vorher kräftig investiert, knapp 90 000 Euro für neue Geräte ausgegeben. Besonders ärgerlich: Es wurden Spezialgeräte gekauft, die nach dem alten Gesetzestext zwingend für die Durchführung der Prüfung eingesetzt werden müssten. Der Rest des Geldes wurde für die Fortbildung der Mitarbeiter ausgegeben „Wir müssen jetzt Leute entlassen und auch die Löhne müssen wohl gekürzt werden“, sagt Madela. Bis jetzt sei das Gesetz immer nur verschärft worden. „Auf einmal wird es ganz abgeschafft. Das gibt es doch gar nicht“. Dabei seien die Überprüfungen in Hattingen besonders wichtig. „80 Prozent der Rohre sind nicht in Ordnung. Wir haben Zahlen, die das belegen“, so Madela.
In Hattingen seien die unterirdischen Kanäle teilweise 100 Jahre alt. „Und noch nie überprüft worden.“ Die Gefahr, dass Abwasser ins Grundwasser sickert, ist nicht zu unterschätzen“, so Dieter Theis. Das Problem sei, dass die Hausbesitzer den Sinn der Überprüfung nicht einsehen. „Freiwillig erteilt uns doch keiner einen Auftrag.“ Hinzu kommt die Verunsicherung vieler Hausbesitzer durch Berichte über dubiose Kanalunternehmen, die ihren Kunden falsche Videoaufnahmen ihrer Abwasserrohre vorlegten. Die Kunden sollen den Eindruck gewinnen, dass ein Schaden vorliege, der sofort in Ordnung gebracht werden müsse. Tatsächlich wurde die Dichtheit aber gar nicht geprüft.
Schwarze Schafe gebe es in jeder Branche, das könne man nicht verhindern, so Madela. Firmen wie Stracke oder der Kanalservice NRW würden ausschließlich zertifizierte Sachkundige einsetzen. Von Firmen, die einem eine Überprüfung an der Haustür anbieten und direkt den Vertrag unter die Nase halten, sollte man daher Abstand nehmen.
16:00
Der pure Aktionismus seitens der Politik hinterläßt immer Trümmer. man denke nur mal an das Scheinselbständigkeitsgesetz.
Was ro-fisch ansprach, daß die städtischen Kanäle marode sind, ist das eigentliche Problem. Es ist leicht vorstellbar, daß wenn alle Privatkanäle tatsächlich 100% dicht wären, die Leistungsfähigkeit der öffentlichem Kanäle bei weitem nicht mehr ausreichen würde. Schon bei Starkregen sind die kommunalen Netze stellenweise regelmäßig überfordert.
Obendrein bringt es nichts, am Ende anzufangen, nur um quasi etwas politisch vorweisbares im Bereich Umweltschutz herbeiführen zu wollen. Das wäre so, als wenn ein Bauunternehmen beim Bau eines Hauses zuerst das Dach fertigstellt und erst danach Keller und Fundamente bauen will ...
09:23
Wer sich durch gute Arbeit einen Namen gemacht hat dürft auch in Zukunft keine Sorgen haben. Im übrigen gilt auch hier wie immer das Preis- Leistungsverhältnis.
23:04
Ein unternehmerisches Risiko ist immer zu tragen. In der Vergangenheit betraf es die Gaststättenbranche (Rauchverbot), aber auch normale Bürger sind dem stetigen hin und her der Politik ausgesetzt. Wichtig und richtig ist in diesem Zusammenhang, dass "Bürgerbewegung" Widerstand auslöst und die Politik zur Einsicht kommt, dass nicht allein die Privatanschlüsse das Problem darstellen, sondern die öffentlichen - maroden - Abwasserkanäle.